Jahrestag des Kriegsendes : Auch die Nato durfte nach Moskau

Russland schlägt am 65. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs versöhnliche Töne an – und warnt vor neuen Gefahren.

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Die da oben. Angela Merkel, Chinas Staatschef Hu Jintau und Russlands Präsident Dmitri Medwedew beobachten während der Parade Fliegerformationen der russischen Luftwaffe.
Die da oben. Angela Merkel, Chinas Staatschef Hu Jintau und Russlands Präsident Dmitri Medwedew beobachten während der Parade...Foto: imago

Düsenjäger fliegen in niedriger Höhe über den Roten Platz und malen mit roter Farbe eine gigantische 65 in den Himmel. Zuvor war modernste Kampftechnik an den Ehrentribünen vorbeigerollt. Russland feiert den 65. Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg hier heißt. Politiker und ehemalige Kriegsteilnehmer nahmen am Sonntag die Parade ab, direkt neben Präsident Dimitri Medwedew und Premierminister Wladimir Putin stand auch Angela Merkel auf der Ehrentribüne. Die Symbolik ihrer Teilnahme sei auch der Bundeskanzlerin ein „besonderes Anliegen“, hieß es in einer Erklärung.

Panzer, Geschütze, Raketenabwehr. Sogar die Topol-M-Systeme – Langstreckenraketen, die nach russischer Darstellung für die Abwehr eines potenziellen Gegners unerreichbar sind und als Wunderwaffe gelten – konnte die Öffentlichkeit bestaunen. Von der Ostsee-Exklave Kaliningrad im Westen bis zur Pazifik-Halbinsel Kamtschatka im Fernen Osten übertrugen TV-Kanäle die fast siebzig Minuten währende Parade live und in voller Länge. Bis heute ist der 9. Mai der wichtigste Feiertag in den Ländern der früheren Sowjetunion.

Die Parade am Sonntagvormittag in Moskau war eine Demonstration der Stärke. Neben dem historischen Sieg feierte Russland an diesem Tag jedoch auch einen aktuellen außenpolitischen Erfolg. Erstmals nahmen an der Parade auch ausländische Truppen aus insgesamt dreizehn Staaten teil. Darunter Soldaten ehemaliger Sowjetrepubliken ebenso wie Nato-Truppen in Gestalt der einstigen Westalliierten.

Nicht alle Russen waren damit einverstanden. KP-Chef Gennadi Sjuganow etwa argumentierte: Ehemalige Kriegsteilnehmer aus den USA, Großbritannien und Frankreich seien jederzeit willkommen, aktive Soldaten der Nato hätten dagegen auf dem Roten Platz nichts zu suchen. Präsident Dmitri Medwedew sah das anders und wertete deren Teilnahme als Zeichen dafür, dass die einstige Anti-Hitler-Koalition bereit ist, jeden Revisionsversuch der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu unterbinden und gegen neue Bedrohungen gemeinsam vorzugehen. In einer kurzen Ansprache vor der Parade sagte der Kremlherrscher, aus der Geschichte müssten auch gemeinsame Lehren gezogen werden. Nach wie vor gäbe es auf der Erde riesige Mengen von Waffen und Menschen, die politische Probleme durch Krieg lösen wollten. Russland brauche daher eine starke Armee mit modernen Waffen.

Ein neuer bewaffneter Konflikt mit ähnlichen Ausmaßen wie der Zweite Weltkrieg sei noch immer nicht auszuschließen, hatte der Kremlherrscher bereits am Freitag in einem Interview für die regierungsnahe Tageszeitung „Iswestija“ erklärt. Dort hatte er sich auch mit einer Schärfe, zu der sich bisher kein ranghoher russische Politiker durchringen konnte, von Stalin distanziert und davor gewarnt, den Personenkult um den früheren Diktator wiederaufleben zu lassen. Für dessen Verbrechen am eigenen Volk könne es keine Vergebung geben.

Nach der Parade gab Medwedew im Kreml einen Empfang für die ausländischen Staatsgäste. Zwar hatten sein US-amerikanischer Amtskollege Barack Obama und der noch amtierende britische Premierminister Gordon Brown sich schon frühzeitig mit Hinweis auf volle Terminkalender entschuldigt, und wegen der Euro-Krise sagte im letzten Moment auch Frankreichs Nicolas Sarkozy ab. Dafür waren der chinesische Staatschef Hu Jintao und Polens amtierender Präsident angereist: Bronislaw Komorowski, der anschließend zu den Massengräbern nach Katyn weiterreiste, wo Stalin 1940 über 4000 polnische Offiziere erschießen ließ. Damit, so Komorowski in einem Exklusiv-Interview für Radio „Echo Moskwy“, wolle er die Mission des verstorbenen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski zu Ende führen, dessen Flugzeug auf dem Weg zur Gedenkfeier zum 70. Jahrestag Anfang April abgestürzt war.

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