Politik : Jahrestag des Massakers: Mahnwachen nur in Hongkong

Benedikt Voigt[Hongkong]

Um 20 Uhr 47 steht das sonst so geschäftige Hongkong zumindest an einem Ort still. Während auf der Causeway Road der Verkehr vorbei rauscht, setzen sich im Victoria Park tausende Menschen auf den Boden, umklammern ihre Kerzen und schweigen ergriffen. Auf einer Videowand erzählt die 80 Jahre alte Lee Shin Man, dass sie vor 18 Jahren bei der blutigen Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz 13 Bekannte und Verwandte verloren hat – und ihren Sohn. „Es macht immer noch traurig“, sagt die alte Frau und wischt sich eine Träne aus den Augen, „ich bin froh, dass Hongkong ihrer gedenkt.“

Nach Angaben der Veranstalter waren es 55 000 Menschen, die am Montagabend auf den fünf Fußballfeldern im Victoria Park ein riesiges Lichtermeer bildeten, um an die Toten, Hingerichteten und Gefangenen des Tiananmen-Massakers vor 18 Jahren zu erinnern. „Wir wollen, dass die Urteile gegen die Gefangenen zurückgenommen und die Toten rehabilitiert werden“, sagt Lee Cheuk-yan, Vizepräsident der Hongkonger Allianz zur Unterstützung der patriotischen demokratischen Bewegungen in China. „Dass so viele Menschen gekommen sind, zeigt den chinesischen Behörden, dass Hongkongs Bevölkerung weiterhin ein demokratisches China will.“

In Festland-China sind die Ereignisse vom 4. Juni 1989 ein Tabuthema. Gedenkfeiern oder die Berichterstattung über die blutige Niederschlagung der Demokratie-Bewegung sind verboten. Die Ereignisse sind nie untersucht worden, weshalb die Zahl der Toten unklar ist. Je nach Quelle schwanken die Angaben von einigen Hunderten bis zu 3000 Toten. Nur in Hongkong, das seit 1997 als Sonderverwaltungszone mit China politisch verbunden ist, darf ihrer gedacht werden.

In diesem Jahr kamen 11 000 Menschen mehr als zuletzt, was die Organisatoren auch dem Vorsitzenden der pekingnahen „Demokratischen Allianz für ein besseres und fortschrittlicheres Hongkong“ zuschreiben. Ma Lik hatte mit seinen Äußerungen über die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz die demokratisch gesinnte Bevölkerung gegen sich aufgebracht hat. „Es war kein Massaker“, hatte der Politiker gesagt, es zeuge von mangelndem Patriotismus, wenn immer noch so viele Hongkonger von einem Massaker sprächen. Daher sei die Stadt nicht vor 2022 reif für das allgemeine Wahlrecht.

„Ich glaube, dass viele junge Leute zur heutigen Gedenkfeier gekommen sind, um zu zeigen, dass sie Ma Lik für einen Lügner halten“, sagt Lee Cheuk-yan. Einer von ihnen ist der 22 Jahre alte John Leung. Er sitzt mit einigen Freunden auf dem Fußballfeld und singt Trauerlieder. „Es ist wichtig, dass auch die nächste Generation die Geschichte Chinas kennt“, sagt der Student der Sozialwissenschaften, „und dass das Tiananmen-Massaker nicht von der Regierung vertuscht wird.“ Deshalb wird John Leung am 1. Juli, wenn sich die Rückgabe Hongkongs an China zum zehnten Mal jährt, wieder im Victoria Park demonstrieren. Für ein demokratisches Hongkong.

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