Jahrestag : Russland feiert Kriegsende

Russland hat den 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa mit einer Militärparade in Moskau gefeiert. Mehr als 50 Staats- und Regierungschefs nahmen an den Feierlichkeiten teil, darunter auch Bundeskanzler Gerhard Schröder und US-Präsident George W. Bush.

Moskau (09.05.2005, 15:19 Uhr) - Im Zeichen der Versöhnung hat Russland am Montag mit früheren Verbündeten und Gegnern den 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa gefeiert. Bei einer prunkvollen Militärparade auf dem Roten Platz vor mehr als 50 Staats- und Regierungschefs nannte Präsident Wladimir Putin die Aussöhnung mit dem früheren Kriegsgegner Deutschland seit 1945 ein historisches Ereignis.

Bundeskanzler Gerhard Schröder verfolgte die Parade von 2500 Kriegsveteranen und 7000 Soldaten mit US-Präsident George W. Bush und dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac in der ersten Reihe. Die Marschmusik und das von Soldaten gesungene Lied «Tag des Sieges» trieben vielen der um die 80 Jahre alten, ordensgeschmückten Kriegsteilnehmer Tränen in die Augen.

Die Lehre des Zweiten Weltkriegs sei es, eine Weltordnung von Sicherheit und Gerechtigkeit zu bauen, sagte Putin bei seiner Ansprache. «Ein leuchtendes Beispiel dieser Politik ist die historische Versöhnung zwischen Russland und Deutschland», betonte er. Putin gedachte der zahllosen Kriegsopfer und der Heldentaten bei der Niederschlagung des Faschismus. «Deshalb sollten wir heute angesichts der Bedrohung durch den Terrorismus dem Gedächtnis unserer Väter treu bleiben», sagte er.

Nach der Parade legten die Staatsgäste rote Nelken am Grab des Unbekannten Soldaten an der Kremlmauer nieder, bevor Putin zu einem Empfang einlud. Dabei dankte Putin allen, «die in den 1940er Jahren die Sowjetunion unterstützt haben, die den brutalen Hauptschlag des Krieges abwehrte». In Moskau galten angesichts befürchteter Terroranschläge auf die Feiern strengste Sicherheitsmaßnahmen.

Trotz der demonstrierten Einigkeit der Feiergäste gingen die Kontroversen der Vortage über die Rückschritte der russischen Demokratie und die Rolle der stalinistischen Sowjetunion im Nachkriegseuropa weiter. Nach seinem Treffen mit Putin am Vorabend sprach Bush am Montag demonstrativ mit russischen Bürgerrechtlern. Dann wollte Bush zur letzten Station seiner Europareise nach Georgien weiterfliegen, das mit Russland im Streit liegt. Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski forderte Russland zu einer gemeinsamen Aufarbeitung der belasteten Geschichte auf.

Schröder besuchte als erster Bundeskanzler die Militärparade zum russischen Sieg über Hitler-Deutschland. Sein Vorgänger Helmut Kohl hatte 1995 einen Besuch der Parade vermieden.

Zusammen mit seiner Frau Doris besuchte Schröder am Nachmittag den Soldatenfriedhof Ljublino im Südosten der russischen Hauptstadt und legte einen Kranz für deutsche Soldaten nieder. Danach wollte der Kanzler mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sprechen.

Er verstehe Putins Einladung zu den Feiern nach Moskau als Auftrag, sagte Schröder der ARD. «Es geht um Erinnerung, um nicht zu vergessen, aber es geht vor allen Dingen um Zukunft, und zwar eine Zukunft, die Russland und Europa, Russland und Deutschland nahe zusammen bringen», betonte der Kanzler. Deutschland habe den Krieg begonnen und großes Leid über das russische Volk gebracht, deshalb habe er sich dafür entschuldigt.

Als weitere Geste der Aussöhnung wollten Putin und Schröder bei einem Treffen mit Kriegsveteranen beider Seiten sprechen. Mit Schröder war deshalb auch der ehemalige Widerstandskämpfer Ewald von Kleist nach Moskau geflogen.

Die Politiker aus aller Welt nutzten ihren Besuch in Moskau zu bilateralen Beratungen. UN-Generalsekretär Kofi Annan sprach mit den anderen Mitgliedern des Nahost-Vermittlerquartetts USA, Russland und Europäische Union (EU). Putin vereinbarte mit dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao, dass dieser im Juli erneut Moskau besuchen werde. Schröder traf mit seinem japanischen Kollegen Junichiro Koizumi zusammen. Am Dienstag wollen Russland und die EU bei einem Gipfeltreffen eine engere Zusammenarbeit vereinbaren.

Feiern und Paraden zum Kriegsende fanden auch in anderen Städten Russlands und der früheren Sowjetrepubliken statt. Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko flog gleich nach der Moskauer Parade heim nach Kiew. (tso)

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