Japan-Tagebuch : Absurde Normalität in Fukushima-Stadt

Außerhalb der Evakuierungszone von Fukushima lebt es sich heute wieder ganz normal, sagt Japans Regierung. Acht ausländische Journalisten sollten sich davon selbst überzeugen – und erhielten überraschende Einsichten.

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Bahnhof Fukushima
Bahnhof FukushimaFoto: Ulrike Scheffer

Manches in Fukushima-Stadt ist tatsächlich geradezu absurd normal. Als der Shinkansen-Schnellzug am Donnerstagmorgen auf einem der Bahnsteige Fukushimas einläuft, drängen sich dort so viele Männer in der Raucherlounge, dass ihre Gesichter hinter dichten Rauchschwaden verschwinden. Die Glaskästen sollen die Menschen draußen an der frischen Luft bekanntlich vor giftigen Nikotindämpfen schützen. Doch an diesem Ort, rund 60 Kilometer vom Unglücksreaktor entfernt, ist die Luft nicht mehr frisch. Auch ein Jahr nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi müssen die 300.000 Einwohner der Stadt mit erhöhten Strahlenwerten leben. Sollten deshalb nicht die Raucher draußen stehen und Kinder und Schwangere in der Lounge?

Auch das von der Regierung organisierte Besuchsprogramm ist irgendwie fragwürdig. Wir Journalisten werden zunächst zu einem Unternehmen gefahren, das eine spezielle Beschichtung für Fensterglas entwickelt hat. Durch das Verfahren werden Infrarot- und UV-Strahlen aus dem einfallenden Tageslicht gefiltert, Räume heizen sich so weniger auf, störende Lichtreflexe an Glasfassaden werden minimiert. Umwelttechnologie aus Fukushima, das passt zum Bild, das die Regierung und auch die lokalen Behörden von der Stadt vermitteln wollen. Eine Zeitung hat sogar einen Reporter in das kleine Firmenbüro geschickt. Ausländische Besucher sind in Fukushima derzeit offenbar eine Nachricht wert.

Die Besichtigung einer Schule, wo die Kinder nun zum Teil mit Dosimetern ausgestattet werden, damit sie wissen, wie viel radioaktive Strahlung sie täglich abbekommen, steht dagegen nicht auf dem Programm. Und auch kein Treffen mit jenen Müttern, die sich nach dem Atomunfall organisiert haben, um Informationen über die Strahlengefahr auszutauschen. Nicht einmal der Gouverneur der Präfektur steht für ein Gespräch nicht zur Verfügung. Er sagte seinen ursprünglich geplanten Termin mit der Journalistengruppe zwei Wochen vor deren Besuch wieder ab. Ein Vertreter fand sich offenbar nicht. Der für die Aufarbeitung des Atomunfalls zuständige Umweltminister in Tokio hatte kurzfristig ebenfalls keine Zeit für die Berichterstatter aus Großbritannien, Katar, Indonesien, China, Südkorea, Indien und Deutschland.

Atomkatastrophe von Fukushima und weltweite Folgen
Kurz vor der ersten Explosion. Ein Hubschrauber fliegt am 12. März 2011 am Reaktor eins des Akw Fukushima Daiichi vorbei.Weitere Bilder anzeigen
1 von 25Foto: Reuters
09.03.2012 15:27Kurz vor der ersten Explosion. Ein Hubschrauber fliegt am 12. März 2011 am Reaktor eins des Akw Fukushima Daiichi vorbei.

In Fukushima geht es stattdessen nun ins Überwachungszentrum für radioaktive Strahlung. Bürger können hier Lebensmittel untersuchen lassen, Bauern sind verpflichtet, Proben ihrer Produkte zu bringen. Das Zentrum wurde allerdings erst im November vergangenen Jahres, also acht Monate nach dem Atomunglück, eröffnet. Direktor Kazuhiko Shigishra berichtet außerdem, dass die Stadt überhaupt erst einen Monat nach dem Gau mit Strahlenmessungen begonnen hat. „Wir dachten nicht, dass sich die Strahlung so weit ausbreitet“, lautet seine Erklärung. Als die Bürger dann begannen, Fragen zu stellen, schaffte die Stadtverwaltung die ersten Geigerzähler an und später, als Gerüchte über eine mögliche Kontamination von Lebensmitteln zu kursieren begannen, weitere Analysegeräte. Shigishra erzählt dies alles, als ginge es um quengelnde Kinder, denen man schließlich nachgegeben hat. Aber vielleicht ist dies auch einfach die japanische Art, sich als Dienstleister der Bürger zu präsentieren.

Ulrike Scheffer
Ulrike SchefferFoto: Tsp

„Schon“ seit Februar 2012 sei auch ein Ganzkörper-Strahlenmessgerät in Betrieb, erklärt Shigishra weiter. „Das nutzen wir vor allem, um Kinder zu untersuchen“. Bis zu 6000 Einwohner Fukushimas sind inzwischen allerdings weggezogen. Familien meist, die die Ungewissheit über Gesundheitsgefahren nicht länger ausgehalten haben. Laut Shigishra liegt  die radioaktive Belastung derzeit bei rund einem Mikrosievert pro Stunde, was etwa fünf Millisievert pro Jahr entspricht. „Das ist weit weniger als der Grenzwert“, sagt er. Was er nicht sagt: Nach der Katastrophe hat die Regierung den Grenzwert von einem Millisievert auf 20 Millisievert als zulässiger Jahresdosis hochgesetzt.

Der Strahlenkontrolleur räumt aber ein, dass beim Krisenmanagement auch Fehler gemacht wurden. Allerdings eher bei den nationalen und regionalen Behörden. Rein formal seien die nämlich für die Sicherheit rund um das Atomkraftwerk verantwortlich und damit auch für die Messung der radiaktiven Belastung. „Doch von denen bekamen wir nach dem Atomunfall kaum Informationen“, sagt Shigishra. Bis heute gibt es seinen Angaben zufolge außerdem keine ausreichend gesicherte Lagerstätte für kontaminiertes Material. Die Stadt hat daher zunächst ein Provisorium angelegt. „Wenn Bürger nach Regenfällen in ihren Gärten an einzelnen Stellen erhöhte Werte messen, raten wir ihnen aber meist einfach, die belastete Erde erst einmal in Plastikfolie oder einer Plastikkiste zu vergraben“, erklärt er. Und das soll normal sein?

Japans Regierung will die Ereignisse des vergangenen Jahres aufarbeiten und hat Journalisten aus aller Welt zu einer Rundreise eingeladen. Für den Tagesspiegel ist Ulrike Scheffer exklusiv dabei. Lesen Sie hier ihre anderen Berichte.

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