Japans Botschafter : „Wir schauen nach vorn“

12.04.2011 07:10 UhrVon Ulrike Scheffer
Takahiro Shinyo, japanischer Botschafter in Berlin. Foto: Reuters
Takahiro Shinyo, japanischer Botschafter in Berlin. - Foto: Reuters

Takahiro Shinyo, der japanische Botschafter in Berlin, spricht über Dankbarkeit, den Neuanfang und neue Lebensgewohnheiten.

Es ist ein ungewöhnlicher Tag für Takahiro Shinyo, Japans Botschafter in Berlin. Überhaupt hat der Diplomat seit nunmehr einem Monat, seit ein schweres Beben und ein Tsunami Teile seines Landes verwüsteten, eine neue Rolle für sich gefunden – finden müssen. Statt die Interessen einer starken Industrienation zu vertreten, muss er nun Hilfsangebote koordinieren. Vor Journalisten bedankt sich der 61-Jährige an diesem Montag für die Anteilnahme und Hilfe, die seine Landsleute seit dem 11. März, dem Tag der Katastrophe, von deutschen Bürgern, der Bundesregierung und auch der deutschen Wirtschaft erhalten haben. „Deutschland ist ein wahrer Freund in dieser für Japan schweren Zeit.

“ Der Dank komme von Herzen, fügt er an und erklärt, warum es für die Japaner nicht selbstverständlich war, Hilfe von außen anzunehmen oder gar aktiv um Unterstützung zu bitten. „Das hat etwas mit unserer Kultur zu tun“, erklärt Takahiro Shinyo, „wir sind es gewohnt, uns selbst zu helfen.“

Die jüngsten Ereignisse jedoch übersteigen selbst die Kräfte eines hochtechnisierten Staates wie Japan. „Das schwerste Erdbeben unserer Geschichte, ein Tsunami und ein Atomunfall, eine solche Katastrophe ist einzigartig in der Welt.“ Noch immer lebten 150.000 Menschen in Notunterkünften, weitere 150 000 mussten die Umgebung des Unglücksreaktors Fukushima verlassen. Ob und wann sie zurückkehren können, ist nach Auskunft Shinyos noch unklar. Viele müssten wohl umsiedeln. Es gebe Angebote an Bewohner ganzer Dörfer, an einem anderen Ort neu anzufangen.

„Wir müssen jetzt auch nach vorn schauen“, sagt er und kündigt einen Plan zur „Wiederbelebung der japanischen Wirtschaft und Gesellschaft“ an. Sein Land wolle nicht einfach an die Vergangenheit anknüpfen, es müsse sich erneuern. Erneuerbare Energien sollten dabei eine Rolle spielen, und auch an die Errichtung einer Ökostadt sei gedacht. Für eine Debatte über die Zukunft der Atomkraft in Japan sei es aber noch zu früh. Klar sei: „Die Ereignisse werden nicht nur Japan, sondern die gesamte Zivilisation verändern.“

Die Japaner erlebten nun, was es bedeute, wenn Energie knapp sei. Stromausfälle behinderten nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das tägliche Leben in Tokio. „Das wird die Lebensweise der Menschen verändern.“

Dass auch Menschen in Europa ihre Gewohnheiten ändern und aus Angst vor Radioaktivität japanische Lebensmittel meiden, versteht Botschafter Shinyo indes nicht. Alle Produkte würden gewissenhaften Tests unterzogen. „Reisen nach Japan sind ebenfalls unbedenklich“, beteuert er. Und auch die Häfen in der Tokioter Bucht könnten gefahrlos angesteuert werden. Zum Beweis legt er Strahlenwerte für Flughäfen und Häfen vor. „Ich wünsche mir an jedem Tag, dass es den 11. März nie gegeben hätte“, antwortet er am Ende noch auf die Frage zu seinen persönlichen Gefühlen. Über die hätte der Botschafter früher wohl nicht gesprochen.

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