Politik : Je früher, desto weniger

Die Deutschen gehen immer eher in Rente. Ihre Versorgung ist zu üppig, sagen Experten – und fordern deutlich höhere Abschläge

Rainer Woratschka

Nehmen wir die Gastwirte. Statistisch gesehen werden sie nicht annähernd so alt wie evangelische Pastoren. Folglich beziehen sie auch weniger Rente. Aus Gerechtigkeitsgründen müssten Gastwirte also früher in den Ruhestand gehen dürfen. Oder dafür geringere Abschläge aufgebrummt bekommen.

Im Kern ist das die Forderung des Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Mit genaueren Lebenserwartungs-Kriterien hat dessen Sozialexperte Gert Wagner zwar noch nicht aufgewartet. Doch beim Thema Frührente, so das Mitglied der Rürup-Kommission zur Sozialreform, müsse „auch dieser Punkt angepackt werden“. Bevölkerungsgruppen mit niedriger Lebenserwartung könnten sich sonst zu Recht benachteiligt fühlen.

Was ist gerecht, was zumutbar? Die Renten-Diskussion treibt derzeit seltsame Blüten. Dabei teilt Wagner die Einschätzung der meisten Experten und Politiker: Die Deutschen gehen zu früh in den Ruhestand. Die finanziellen Einbußen – pro Monat 0,3 Prozent – sind offenbar nicht hoch genug. Im Schnitt verabschieden sich die Deutschen mit 60,2 Jahren aus dem Beruf, also fast fünf Jahre früher als gesetzlich vorgesehen. Rechnet man die vermindert Erwerbsfähigen heraus, liegt das Renteneintrittsalter bei 62,4 Jahren. Zum Vergleich: 1960 waren es 64,7.

Angesichts der Tatsache, dass die Rentner auch immer älter werden, bereitet dies den Kassenwarten zunehmend Sorge. Seit 1960 hat sich die Rentenbezugsdauer fast verdoppelt (siehe Grafik), gleichzeitig gibt es immer weniger Beitragszahler. „Man muss über höhere Abschläge nachdenken“, sagt Kommissionschef Bert Rürup, der den Deutschen bereits mit der Rente ab 67 gedroht hat. Winfried Schmähl, Ex-Vorsitzender des Sozialbeirats der Regierung, pflichtet ihm bei. Vom derzeitigen Abschlagssatz gehe „ein Anreiz zum früheren Aufhören auf“. Der Bonner Rentenexperte Meinhard Miegel bezeichnet den vorzeitigen Ruhestand gar als „gutes Geschäft“. „Wenn ich mit 63 Jahren in Rente gehe, werden mir 7,2 Prozent abgezogen. Das ist kein Ausgleich für die zwei Jahre zusätzliche Rente, die ich bekomme.“

Man muss es sich dennoch leisten können. Dem Abschlag liegt nicht das mit 65 Jahren erreichbare Niveau zu Grunde, sondern das Rentenkonto des Stichtags. Wer mit 60 in Rente geht, hat Einbußen von 30 Prozent „Ich glaube, dass das reicht“, sagt Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD). Die Grünen-Politikerin Birgitt Bender sieht das anders. Sie will sechs Prozent Abschlag pro Jahr, statt der bisherigen 3,6 Prozent. Arbeitgeberchef Dieter Hundt ist für fünf bis sechs Prozent.

Es sei nicht einzusehen, dass die Sozialkassen den früheren Renteneinstieg bezahlen, meint auch die Grüne Thea Dückert. Die SPD jedoch hält dagegen. Die Abschläge träfen vor allem Arbeitslose, argumentiert Fraktionsvize Gudrun Schaich-Walch. „Offensichtlich ist unsere Wirtschaft nicht willens und in der Lage, Menschen zu beschäftigen, die älter als im Schnitt 55 Jahre sind.“ Länger im Job halten ließen sich Menschen nur, wenn man ihnen mehr Teilzeitarbeit und bessere Gesundheitsvorsorge am Arbeitsplatz biete.

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