Politik : Jeder kämpft für sich

Matthias Meisner

Auch Antje Hermenau sucht nach einem Bild aus der Zoologie. "Ein paar einzelne Wölfe" seien es, die in den neuen Ländern noch für die Grünen stehen, sagt Hermenau, Sprecherin der ostdeutschen Bundestagsabgeordneten ihrer Partei. Tags zuvor hatte Verbraucherschutzministerin Renate Künast die Aufstellung der Grünen für den Bundestagswahlkampf mit dem "Formationsflug" von Wildgänsen verglichen.

Was den Parteiaufbau Ost angeht, bleibt Hermenau skeptisch - auch wenn neben ihr in Sachsen mit Werner Schulz in Berlin ein weiterer Ost-Grüner auf aussichtsreichem Listenplatz bei der Bundestagswahl kandidieren wird. Der Einsatz im Osten werde "ein mühsames Geschäft" bleiben, sagt Hermenau zum Tagesspiegel. Viel Hilfe der Bundespartei erwartet sie nicht: "Die West-Grünen kämpfen für das Überleben ihres eigenen Projektes." Erst am Montag hatte der Parteirat die Idee verworfen, Schulz oder einen anderen Ost-Grünen in das Spitzenteam für die Bundestagswahl aufzunehmen. Und seit dem Rostocker Bundesparteitag im November haben die Grünen zwar ein eigenes Ost-Programm. Doch auch das sei Parteichef Fritz Kuhn nur "mühsam abgetrotzt", wie die Dresdner Bundestagsabgeordnete berichtet.

Schulz verlangt derweil, die Auseinandersetzung mit der PDS zu verschärfen. "In der Vergangenheit sind wir mit der PDS zum Teil viel zu glimpflich umgegangen", so der DDR-Bürgerrechtler in der "Sächsischen Zeitung". Das "Märchen" vom Ostdeutschen als Bürger zweiter Klasse will er der PDS nicht durchgehen lassen. Bürger erster und zweiter Klasse habe es in der DDR gegeben,: "Bürger erster Klasse hatten West-Geld, konnten in Intershops kaufen, besaßen einen Reisepass und konnten sich im Westen umschauen."

Wieviel Anklang die Grünen im Osten - in keinem Landtag vertreten - noch finden, wird sich am 21. April bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zeigen. Noch immer muss Parteichef Kuhn dort erklären, dass es 1998 falsch gewesen sei, mit der Forderung nach fünf Mark für den Liter Benzin in den Wahlkampf zu ziehen: "Wir haben nicht bedacht, welche soziale Bedrohung in dieser Forderung steckt." Nachdrücklich musste Spitzenkandidatin Undine Kurth um Wahlkampfhilfe werben - drei mal soll nun wenigstens Joschka Fischer zwischen Harz und Börde auftreten. Hans-Joachim Tschiche, bis 1998 Fraktionschef im Magdeburger Landtag, nennt es "eine Katastrophe, wenn die Grünen zur West-Partei mutieren würden".

Die West-Grünen derweil diskutieren, ob es ihnen schadet, dass der linke Flügel so gestutzt ist. "Die Abwendung von der linken Politik schmälert erheblich die Wahlaussichten", sagt etwa der Tübinger Abgeordnete Winfried Hermann. Eine Debatte, mit der Hermenau nicht viel anfangen kann. "Diese Partei ist längst realpolitisch", sagt sie.

"Alte Leitgans"

Fischers Rolle im Team der Grünen

Die Grünen sind aufs Tier gekommen - zumindest was ihren Spitzenkandidaten angeht. Nachdem Renate Künast am Montag für das Verhältnis Joschka Fischers zum grünen Wahlkampfteam das Bild von der Leitgans und dem Schwarm geprägt hatte, legte nun die parlamentarische Geschäftsführerin Katrin Göring-Eckardt nach. Zu dem überraschenden Plädoyer Fischers zur Bedeutung von Kinderpolitik präsentierte sie ein Zitat aus Selma Lagerlöfs Nils Holgersson. "Die alte Leitgans", so ist dort zu lesen, "hatte aufgehört, Junge großzuziehen und vertrieb sich den Sommer damit, von einem Gänsenest zum anderen zu gehen und Ratschläge zur Brut und Aufzucht zu geben."

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