Politik : „Jeder konnte vom Giftlager in Malchin wissen“

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Berlin. In den Ermittlungen um die Lagerhalle in Malchin schieben sich die Beteiligten den Schwarzen Peter zu. Sie ist, nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums bisher die einzige Quelle für nitrofen- verseuchtes Öko-Getreide. Der Vermieter der Lagerhalle in Mecklenburg-Vorpommern sagt, alle Eigentümer und Mieter hätten wissen können, dass dort zu DDR- Zeiten Pflanzengift gelagert wurde. „Aus dem Eintrag im Grundbuch kann man das unschwer erkennen“, sagte der Neustrelitzer Steuerberater Bernd Walte dem Tagesspiegel. Die frühere Nutzung sei auch im Treuhandvertrag und in den Mietverträgen nachzulesen.

Seit 1999 vermietet Walte als Konkursverwalter die Lagerhalle in Malchin. Zunächst habe der Agrarhändler Hage Nordland die Halle angemietet, anschließend im August 2001 für drei Monate die Norddeutsche Saat- und Pflanzgut AG (NSP). Die NSP grenze direkt an das Grundstück der Halle. „Eigentlich muss man dann wissen, was dort gelagert wurde“, sagt der Konkursverwalter. Nach seinen Informationen seien die letzten Nitrofen-Bestände 1994 entsorgt worden. Als Beleg habe er in seinen Unterlagen eine Rechnung über 300 000 Mark. Die NSP weist jedoch jede Verantwortung von sich. „Der NSP war die zu DDR-Zeiten erfolgte Nutzung dieser Lagerhalle nicht bekannt“, heißt es aus dem Unternehmen. Im Mietvertrag sei nicht auf eine Vornutzung hingewiesen worden. Und ein Blick in das Grundbuch sei bei einer befristeten Anmietung nicht üblich.

Die Sonderermittler in Mecklenburg-Vorpommern teilten am Montag mit, in einer von 16 Staubproben aus der Halle seien 77 Gramm Nitrofen pro Kilogramm gefunden worden. In Lebensmitteln sind bis zu 0,01 Miligramm erlaubt. 1995 wurden aus dem früheren DDR-Pflanzenschutzdepot 17 Tonnen Trizillin, einem nitrofenhaltigen Unkrautvernichter, entsorgt. Zeugen hätten berichtet, dass zahlreiche Fässer zu diesem Zeitpunkt durchgerostet gewesen seien. Mit Wannen sei versucht worden, die Flüssigkeit notdürftig aufzufangen, sagt der Direktor des Landeskriminalamtes (LKA), Ingmar Weitemeier.

Seit 1995 wurde die Halle immer wieder als Getreidelager genutzt. Große Mengen Getreide wurden mit Radladern verschoben und aufgeladen, die dabei zum Beispiel im verseuchten Bodenbeton kratzten. Staatsanwalt Rainer Moser sagte, die Suche nach den Verantwortlichen stehe noch am Anfang. Ziemlich sicher sind sich Kriminalisten, Staatsanwälte und Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) inzwischen, dass es neben Malchin keine zweite Nitrofenquelle gibt, die deutsches Getreide verseucht haben könnte. Backhaus sagte, sein weitergehender Verdacht habe sich nun verflüchtigt.

Als Konsequenz aus dem Nitrofen-Skandal hat sich der Stuttgarter Landwirtschaftsminister Willi Stächele (CDU) für eine Erhöhung der Mehrwertsteuer ausgesprochen. Ein Sprecher sagte in Stuttgart, das Geld sollte zweckgebunden für Qualitätssicherungsprogramme verwendet werden. Stächele schlug eine Erhöhung der Steuer um einen halben Prozentpunkt vor. Nach Angaben des Ministeriums ergäbe dies in Baden-Württemberg Mehreinnahmen von 75 Millionen Euro. Cordula Eubel/Andreas Frost

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