Politik : „Jeder Soldat hat die Wahl“

Warum ein Pilot aus Tel Aviv Befehle verweigert

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Jonatan Sch., 31, ist einer der 27 Angehörigen der israelischen Luftwaffe, die in einem offenen Brief Angriffe auf zivile Ziele in den Palästinensergebieten verweigerten und anschließend vom Dienst suspendiert oder ganz aus der Armee entlassen wurden. Sch., dessen voller Name aus rechtlichen Gründen nicht genannt werden darf, lebt in Tel Aviv und arbeitet als ziviler Hubschrauberpilot.

Erst waren es einfache Soldaten, die sich weigerten, in den Palästinensergebieten ihren Militärdienst zu leisten. Dann kam der Protest der Piloten – die gewissermaßen den Stolz der israelischen Armee darstellen. Wie reagierte die israelische Bevölkerung auf Ihren Protest?

Wir wurden heftig attackiert und beschimpft – bis die Menschen anfingen, sich mit dem Inhalt unseres offenen Briefes auseinander zu setzen.

Sie sind im ganzen Land unterwegs, sprechen vor Professoren, Studenten, mit Schülern und ausländischen Medien. Was erzählen Sie ihnen?

Wir versuchen zu erklären, warum wir diesen Schritt in die Öffentlichkeit gewagt haben – der uns übrigens nicht leicht gefallen ist. Und wir bemühen uns, der öffentlichen Diskussion über Moral und Unmoral israelischer Militärpolitik eine neue Richtung zu geben.

Verstecken sich israelische Soldaten häufig hinter der Pflicht zum Gehorsam?

Ich habe den Eindruck, dass sich viele Soldaten mehr denn je ernsthafte Gedanken darüber machen, inwieweit sie persönlich Verantwortung für das übernehmen müssen, was angeordnet wird. Die neue Welle der Befehlsverweigerer und unser Appell sind bei diesen Überlegungen sicher hilfreich. Jeder Soldat, Offizier und Pilot hat die Wahl, sich einem militärischen Befehl, der nicht rechtens ist, zu verweigern und damit einem moralischen Imperativ zu gehorchen.

Moral geht immer vor Befehl?

Die israelischen Streitkräfte vertreten ganz eindeutig den Standpunkt, dass illegalen Befehlen nicht Folge zu leisten ist. Und da politisch motivierte Morde unvereinbar mit israelischem Gesetz sind, ist unser Fall eindeutig. Was den einfachen Soldaten angeht: Da wird es schon komplizierter.

Warum?

Ein Beispiel: Ich stehe an einem Kontrollpunkt irgendwo in der Westbank. Ich habe gesicherte Informationen, dass ein potenzieller Selbstmordattentäter irgendwann an diesem Tag hier vorbeikommen soll. Und während ich alle Leute penibel überprüfe, laufe ich zwangsläufig Gefahr, Menschen dabei Unannehmlichkeiten zu bereiten. Ob ich will oder nicht.

Drohen Ihnen rechtliche Konsequenzen?

Ehrlich gesagt, würde ich mir die wünschen. Aber die Armee weiß, dass sie dann mehr Probleme hätte als wir. Politische Morde werden schon seit einiger Zeit vom Obersten Gerichtshof behandelt und auf die lange Bank geschoben, weil es ein so heikles Thema ist.

Das Gespräch führte Linda Benedikt.

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