Politik : „Jeder vierte Hesse ist ein Vertriebener“

Rainer Woratschka

Berlin - In den 50er Jahren hatten sie noch eine ganz andere Lobby. Bis zu ein Sechstel aller Bundestagsabgeordneten gehörte damals Vertriebenenorganisationen an. Es gab eine Vertriebenenpartei, die sich Block der Heimatlosen und Entrechteten nannte, und bis 1969 auch ein eigenes Vertriebenenministerium. Kein Wunder: Knapp acht Millionen Menschen aus den früheren deutschen Ostgebieten galt es in der jungen Bundesrepublik zu integrieren. Die restlichen vier Millionen landeten auf dem Terrain der Sowjetzone, das die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, noch heute als „Mitteldeutschland“ bezeichnet.

Inzwischen sind diejenigen, die damals ihre Heimat verloren, im Schnitt 80 Jahre alt und deutlich weniger geworden. Gleichwohl beziffert der Verband die Zahl der Heimatvertriebenen in Deutschland auf 20 Millionen. „Jeder vierte Hesse ist einer“, sagt BdV-Sprecher Walter Stratmann. Und von den Sudetendeutschen in Bayern ist bekannt, dass ihr Ministerpräsident sie gern als „ vierten Stamm“ seines Freistaats hervorhebt. Das hängt damit zusammen, dass sich auch Kinder und Erben von Vertriebenen als solche fühlen und bezeichnen dürfen – und dies auch wieder gerne tun. „Ein Nachwuchsproblem haben wir nicht“, sagt Stratmann. Eher fehle dem Verband mit seinen 21 Landsmannschaften, 16 Landesverbänden und vier angeschlossenen Organisationen die mittlere Generation.

Im BdV organisiert sind derzeit rund zwei Millionen Menschen – 85 Prozent davon „echte“ Vertriebene, also in entsprechendem Alter. Daneben gibt es die, die nicht in den Verband wollen oder es nicht dürfen – wie der rechtslastige „Zentralrat der vertriebenen Deutschen“. Am stärksten vertreten sind Schlesier, Sudeten- und Russlanddeutsche. Zunehmend nämlich schafft sich der BdV mit Spätaussiedlern ein zweites Standbein – über soziale Beratung, Betreuung und Integrationskurse.

Seine 15 hauptamtlichen Beschäftigten bezahlt dem Verband das Innenministerium. Allerdings musste er in den vergangenen vier Jahren Kürzungen von 50 Prozent verkraften. „Wir sind am unteren Level“, klagt Stratmann. Und im Bundestag gibt es nur noch eine bekennende Vertriebenengruppe – 20 Unionspolitiker um die Abgeordneten Hartmut Koschyk und Erwin Marschewski.

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