Politik : Jedes Wort wiegt schwer, jeder Schritt ist brisant

Martin Gehlen

Sein Besuch in Israel sei nur eine Pilgerreise. Dabei weiß Johannes Paul II., dass er untertreibt. So jubeln die einen, andere schimpfen.Martin Gehlen

Hosianna, Jerusalem" sollen sie singen. Wochenlang hatten die Mädchen und Jungen geprobt - eine letzte arabische Regieanweisung von dem violett gekleideten Zeremonienmeister vorne am Altar. Doch im entscheidenden Moment bleibt der Chor stumm. Binnen Sekunden, während das Papamobil um kurz nach halb elf mit Johannes Paul II. die kurze Auffahrt zum Platz vor der Geburtskirche in Bethlehem heraufkommt, verwandelt sich die junge Singschar auf der Seitentribüne in ein jubelndes Chaos. Alle drängeln und schubsen, der Organist springt auf seiner Sitzbank hoch und stimmt in die Hochrufe der vieltausendköpfigen Menge ein. Erst als sich ein beherzter Ordensmann ein Mikrofon greift und die Melodie a capella anstimmt, nimmt das Begrüßungslied erste vage Formen an.

Arlette Harb hat sich an der vordersten Absperrung bis in die erste Reihe vorgekämpft. "Auf diesen Moment habe ich mehr als 35 Jahre gewartet", ruft sie in dem Geschrei und Gejauchze der Menge. Damals, am 4. Dezember 1964, war sie 16 Jahre alt, als der Krakauer Oberhirte Karol Wojtyla zum ersten Mal nach Bethlehem kam. Von Mitternacht bis fünf Uhr morgens hätten er und seine dutzend Bischofskollegen in der Geburtsgrotte unter der Kirche meditiert und gebetet, erzählt sie. Die ganze Stadt war in dieser Nacht auf den Beinen. Arlette durfte damals mit ihrer Schola für die hohen nächtlichen Besucher singen. Als Dank schickte ihr Erzbischof Wojtyla ein kleines polnisches Medaillon, das sie ebenso sorgsam hütet wie ihre Erinnerungen an damals.

Nun ist Karol Wojtyla ein zweites Mal gekommen - diesmal als Papst und diesmal in einer ganz anderen politischen Situation. Seinen Besuch nennt das katholische Oberhaupt eine Pilgerreise, mit "Bethlehem als Herzstück", wie er bei der Predigt den palästinensischen Christen schmeichelt. Aber Johannes Paul II. ist keineswegs nur ein frommer Gottesmann, der sich in hohem Alter noch einen, seinen Lebenstraum erfüllt. Sondern er ist gleichzeitig ein Meister der politischen Obertöne und ein Mann mit unbeirrbaren Überzeugungen.

Kaum hatte er am Vorabend vor seinem Besuch in Bethlehem israelischen Boden betreten, ließ er die gesamte Staatsspitze bei strömendem Regen auf dem Flughafen von Tel Aviv wissen, dass "die Notwendigkeit von Frieden und Gerechtigkeit nicht allein für Israel gilt, sondern für die ganze Region". Damit war der Ton gesetzt. Entsprechend unbefangen und unbeirrt von israelischen Warnungen und Ratschlägen absolvierte der 79-jährige Pontifex seinen Besuchstag in Bethlehem, der seit fünf Jahren palästinensisch-autonomen Geburtsstadt Jesu.

Für Jassir Arafat ist die Visite des Papstes ein Meilenstein auf dem Weg in die Unabhängigkeit. Nicht nur begrüßt er den Gast aus Rom wie einen alten Freund, sondern er begleitet ihn auch auf Schritt und Tritt. Johannes Paul II. revanchiert sich mit einem Kuss der palästinensischen Erde und vollzieht damit vor den Fernsehkameras aus aller Welt die höchstkirchliche Besiegelung der palästinensischen Forderung nach Selbstbestimmung und eigenem Staat. "Niemand kann ignorieren, wie viel das palästinensische Volk in den letzten Jahrzehnten gelitten hat", sagt er bei seiner Begrüßungsansprache. "Euer Leiden steht der Welt vor Augen. Es hat bereits viel zu lange gedauert."

Bethlehem hat sich für das Jubiläum 2000 und besonders für diesen Tag herausgeputzt. Überall sind Plastikfähnchen von Palästina und dem Vatikan aufgehängt. Bereits am Vortag zogen singende und schwatzende Pilgerscharen durch das feine Netz der zahllosen neu gepflasterten Gassen. Mehr als 100 Millionen Dollar an ausländischen Geldern flossen in die Infrastruktur und die Erhaltung des kulturellen Erbes der Stadt. Ausgebuchte Hotels und Großzelte mit Zusatzbetten wie bei diesem Papstbesuch, sagen die Bewohner, das hat es hier seit Menschengedenken nicht gegeben.

Solchen Zuspruch können die örtlichen Christen gut gebrauchen. Ihre Schar wird immer kleiner. Wer kann, wandert aus. Während 1948 in Bethlehem von 8000 Einwohnern 6000 Christen waren, sind es heute von 50 000 nur noch 12 000. Aber nicht allein der Dauerkonflikt mit den Israelis, auch wachsende Reibungen im Zusammenleben mit der muslimischen Mehrheit prägen den Alltag. Fundamentalisten in der Stadt machen, wie auch in Nazareth, Stimmung gegen die meist wohlhabenderen Christen. Diese fühlten sich in die Defensive gedrängt und begannen im vergangenen Jahr, auf ihren Hausdächern demonstrativ beleuchtete Holzkreuze aufzustellen. Hässliche Szenen auf beiden Seiten folgten, momentan hat sich die Lage wieder beruhigt. Eine neue Ära gegenseitigen Verstehens mit dem Islam wünsche er sich, sagt der Papst.

Kaum hat er geendet, als von dem Minarett der gegenüberliegenden Omar-Moschee herab der Gesang des Imams einsetzt. Einen Moment lang wirken die versammelten Patriarchen und Bischöfe auf der Altartribüne irritiert, während Gottesdienstbesucher aufgeregt miteinander wispern. Nur Johannes Paul II. sitzt ruhig auf seinem Sessel und lauscht konzentriert. Daraufhin entspannt sich die Situation, und die Leute folgen seinem Beispiel. Am Ende gibt es langen Beifall für die ökumenische Geste des Imam.

Jassir Arafat, der während des Gottesdienstes in der ersten Reihe sitzt, und Johannes Paul II. kennen sich seit 1982. Bereits zwei Jahre später in seinem Apostolischen Schreiben "Redemptionis anno" forderte Johannes Paul II. für das palästinensische Volk "Gerechtigkeit sowie eine eigene Heimat", in der es in Frieden und Ruhe leben könne. Vor vier Wochen unterzeichnete der Vatikan dann mit der PLO eine Grundsatzerklärung. Deutlich wie nie zuvor, ließ der Vatikan darin die Regierung Barak wissen, dass er Jerusalem keineswegs "ewig und ungeteilt" als israelische Hauptstadt akzeptiert. "Einseitige Entscheidungen und Aktionen, die den spezifischen Charakter und Status von Jerusalem verändern, sind moralisch und juristisch inakzeptabel", heißt es in dem Text. Israel reagierte offen verärgert, sprach von einem "verabscheuungswürdigen Schritt".

Für Arafat jedoch ist das ein Erfolg im Verhandlungspoker mit Israel, für den beide Seiten zur gleichen Stunde, während der Papst in Bethlehem weilt, auf einer Militärbasis südlich von Washington die Schlussrunde einläuten. Ihm sei sehr genau bewusst, dass für das palästinensische Volk in den nächsten Monaten historische Entscheidungen anstünden, sagt der Papst.

Das gilt ebenso für das künftige Schicksal der palästinensischen Flüchtlinge. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat Rebhiyah Tayeh in Zelten und Baracken zugebracht. Heute lebt die 63-jährige Frau in dem Flüchtlingslager Dheisheh nahe Bethlehem an der Straße nach Hebron mit zehn Familienmitgliedern in drei kleinen Zimmern. Einmal pro Woche steht sie wegen Mehl, Gemüse und Fischkonserven bei der Flüchtlingshilfe der UN an. Nach offiziellen Angaben der UN sind rund 3,2 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge registriert, die zusammen mit ihren Nachkommen aus den Kerngebieten des heutigen Israels stammen. Knapp eine Million von ihnen hausen nach wie vor im Gaza-Streifen, in der Westbank sowie in den an Israel angrenzenden Staaten in Lagern wie Dheisheh. Für ihre medizinische Versorgung und Schulbildung, teilweise auch für ihre Ernährung zahlen unverändert die Vereinten Nationen.

Für den Besuch von Johannes Paul II. in ihrem Lager, in dem etwa 10 000 Menschen leben, hat Rebhiyah Tayeh ihr bestes Kleid angezogen, bestickt mit traditionellen palästinensischen dunkelrot-schwarzen Mustern. "Wir sind glücklich darüber, dass der Papst zu uns gekommen ist", sagt die Muslimin, an jeder Hand einen kleinen Enkel. "Ich hoffe, er kann irgendetwas tun, um unser Problem zu lösen." Er habe sich während seines gesamten Pontifikates "dem Leiden des palästinensischen Volkes nahe gefühlt", sagt der Papst bei seiner Ansprache in der Schule des Lagers. Er sei gekommen, um die internationale Aufmerksamkeit auf das Los der Flüchtlinge zu lenken. Diese müsse "entschiedener tätig werden", denn auch diese Menschen hätten Anspruch auf eine Heimstatt, einen Platz in der Gesellschaft und ein würdiges Leben. Freudentriller der Lagerfrauen begleiten seine Worte.

Bei Einbruch der Dunkelheit knattert der Papsthubschrauber dann wieder in Richtung Jerusalem davon, wo der Pontifex während seines gesamten Aufenthaltes nächtigt. Der Generaldirektor im palästinensischen Tourismusministerium, George Ghanem, seufzt erleichtert. Geschafft - keine Zwischenfälle, ordentliches Wetter, keine hässlichen Bilder. Wohlgelaunt sinniert er bereits über das Marketing für den Morgen danach. Denn das Pilgergeschäft für Bethlehem 2000 verläuft - abgesehen von dem Rekordtag der Papstvisite - enttäuschend und schleppend, auch weil israelische Reiseführer nur Kurzaufenthalte für die Geburtskirche arrangieren und ansonsten den ahnungslosen Bibel-Touristen einreden, Spaziergänge in die Stadt seien gefährlich.

Schließlich lächelt George Ghanem. Und mit beiden Zeigefingern zeichnet er ein Rechteck in den Himmel - sozusagen den Raum für die neue Überschrift auf seinem nächsten Bethlehem-Plakat: "Der Papst war schon da, und wann kommst du?"

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