Politik : Jelzins Vabanque-Spiel im Kreml - der Präsident setzt auf Verblüffung statt Erklärung

Elke Windisch

Die Verfallsfristen russischer Regierungen werden immer kürzer: Nach nur knapp drei Monaten war nun wieder ein Wechsel fällig. Wladimir Putin soll nach dem Willen von Präsident Boris Jelzin dem erst im Mai gewählten Sergej Stepaschin folgen - und wenn es nach Jelzin ginge, auch dem Präsidenten selbst im höchsten Staatsamt im kommenden Jahr. In seiner Fernsehansprache empfahl er Putin dem verblüfften Volk als nächsten Präsidenten. "In einem Jahr wird der erste russische Präsident seine Vollmachten erstmals in der Geschichte einem neugewählten Präsidenten übergeben", sagte der 68-jährige Jelzin, der nach zwei Amtszeiten im Juli 2000 nicht mehr kandidieren darf (auch wenn er damit liebäugelt). "Ihr werdet euren Präsidenten in fairer und ehrlicher Wahl bestimmen." Er vertraue Putin, sagte Jelzin und fügte hinzu: "Und ich will, dass jeder, der im Juli 2000 zur Präsidentenwahl geht, sich dafür entscheidet, ihm auch zu vertrauen." Allerdings erreicht Jelzin derzeit in Umfragen nur einstellige Beliebtheitswerte. Putin, der wie auch Stepaschin (vor der Amtsübernahme im Mai) als treuer Gefolgsmann Jelzins eingestuft wird, äußerte tapfer, er werde bei der Präsidentenwahl antreten.

Plausible Gründe für Stepaschins Entlassung kann Jelzin, der in weniger als einem Jahr vier Kabinette verschlissen hat, für seinen Schritt allerdings nicht ins Feld führen. Die Frage nach dem Grund für das permanente Personenkarussell ließen am Montag sowohl seine Fernsehansprache als auch sein Sprecher unbeantwortet. Auch Stepaschin, der hilflos und nervös an den Knöpfen seines dunklen Zweireihers nestelnd, seiner Mannschaft am Morgen den Kollektiv-Rausschmiss verkündete, kann über die Ursachen nur mutmaßen: "Der Präsident dankt allen für die hervorragende Arbeit und bat mich, Ihnen mitzuteilen, dass die Regierung entlassen ist", sagte der Geschasste mit zusammengepressten Lippen.

Die Ursachen in Dagestan suchen zu wollen, wo inzwischen reguläre Armee-Einheiten mit islamischen Fundamentalisten kämpfen, wäre, obwohl hiesige Medien genau dies tun, entschieden zu kurz gesprungen. Das zögerliche Vorgehen von Innen- und Verteidigungsministerium ist angesichts der Geiseln unter der Zivilbevölkerung in den besetzten Dörfern mehr als gerechtfertigt.

Auch wirtschaftliche Gründe, die Jelzin für die bisherigen Regierungswechsel ins Feld führte, stechen im Falle Stepaschins nicht: Wider Erwarten war es diesem gelungen, den Internationalen Währungsfonds davon zu überzeugen, dass Russland wieder kreditwürdig ist. Dessen Entscheidung wiederum veranlasste den Pariser und Londoner Club als Interessenvertretung der Geberländer und der privaten Gläubiger, Moskaus Umschuldungsbegehren zumindest in Teilen zu befriedigen. Noch am Donnerstag hatte Jelzin daher "die ausgezeichnete Arbeit des Kabinetts auf dem Finanzssektor" über den grünen Klee gelobt.

So scheinen es vor allem machtpolitische Gründe, die Jelzin zum Vabanque-Spiel veranlassen: Der Herrscher aller Reußen kreidet Stepaschin an, dass dieser den Schulterschluss zwischen Luschkows Partei "Vaterland" und dem zweiten großen Block der Regionen "Ganz Russland" nicht verhindern konnte. Beide vereinbarten am letzten Mittwoch, bei den Dumawahlen gemeinsam anzutreten. Schlimmer noch: Der neue Megablock, dem Konkurrenten wie auch einige nüchtern denkende Kreml-Beamte einen Durchmarsch prophezeien, hat den ersten Listenplatz einer Unperson (in den Augen Jelzins) angetragen: Stepaschins Vorgänger Jewgeni Primakow, den laut Umfragen immerhin 51 Prozent aller Russen wählen würden. Nach dem Rauswurf könnte auch der ehrgeizige und brüskierte Stepaschin, wie schon viele der von Jelzin verheizten Freunde, ins Lager des Feindes überlaufen.

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