Jemen : Christen auf gefährlicher Mission

Anita G. und Rita S. sind tot. Christliches Engagement führte sie in den Jemen, wo sie nun entführt und ermordet wurden. Die Hintergründe der Tat sind weiter unklar. Klar ist jedoch: Christliches Engagement ist in islamischen Ländern riskant, erst recht, wenn missioniert wird.

Frank Jansen,Barbara Junge
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Jemenitische Soldaten heben die Leichen der im Nordosten des Landes ermordeten deutschen Frauen aus einem Helikopter, der die...

Berlin - Im Herbst hätten Anita G. und Rita S. ihre Ausbildung beenden sollen. Seit bald drei Jahren studierten die beiden 24 und 26 Jahre alten Christinnen zusammen mit etwa 160 anderen Schülerinnen und Schülern an der kleinen Bibelschule Brake in Lemgo (Ostwestfalen) mit dem Berufsziel Sozialdiakonin. Als Ort eines ihrer Praktika im Rahmen der Ausbildung hatten sich die beiden jungen Frauen ausgerechnet den Jemen gewählt. Das wurde ihnen jetzt zum Verhängnis. Mit einer Frau aus Südkorea zusammen wurden sie verschleppt und ermordet. Das Schicksal der anderen offenbar mit ihnen entführten deutschen Familie und einem britischen Ingenieur war am Dienstag noch ungeklärt.

Auf einem Foto, das im Internet zu finden ist, lächelt Anita G. ein glückliches Jungmädchenlächeln. Rita. S. präsentiert sich auf einem Bild mit einem skeptischen Blick. Er habe Anita G. und Rita S. als „lebendig, motiviert und zukunftsorientiert“ erlebt, erzählt einer ihrer Lehrer am Dienstag, als klar wird, dass seine Schülerinnen nicht mehr wiederkommen werden. Ihr christliches Engagement, das auch in Nachrufen vieler Freunde und Freundinnen zum Ausdruck kommt, hat sie in das arme Land geführt. Dort wollten sie sich, so schreibt ein Freund im Internet, „in einer von Krisen geschüttelten Region als Krankenschwestern für die Armen und Verlassenen einsetzen“. Auf der persönlichen Seite bei StudiVZ trauern Freunde von Rita S. um eine, die offenbar stark in ihrem Glauben gelebt hat. Die Briefe an die da schon Getötete bringen den Glauben an ein Leben nach dem Tod zum Ausdruck. „Wir sehen uns dort wo unser Zuhause ist“, schreibt einer. Das Lieblingszitat von Rita G. war: „Ohne Jesus kannste alles haken“. Ihre Interessen waren „Alles für den Herrn und Kunstturnen“.

„Wir verlieren mit Anita G. und Rita S. zwei engagierte Studentinnen, die mit ihrer Liebe zu Gott und zu den Menschen ein Vorbild waren“, heißt es auf der Homepage der Schule. Die evangelikale Ausbildungsstätte hat keine organisatorische Verbindung zur evangelischen Landeskirche. Die Bibelschule Brake ist Mitglied der Konferenz Bibeltreuer Ausbildungsstätten und im Ring Missionarischer Jugendbewegungen. Ob die Verschleppung und Ermordung der Deutschen in Zusammenhang mit ihrem sozialen, womöglich auch missionarischen Einsatz stehen, oder ob die Gruppe explizit als Deutsche das Ziel eines islamistischen Angriffs waren oder ob die Entführer andere Motive haben, bleibt offen.

Christliches Engagement ist in islamischen Ländern riskant, erst recht, wenn missioniert wird. Der Verein Bibelschule Brake verkündet indes auf seiner Homepage, angesichts des „Missionsbefehls Jesu Christi“ solle jeder Absolvent „aktiv und vorrangig an der Weltmission beteiligt sein“. Außerdem wird die Bibel als „unfehlbares und irrtumsloses Wort Gottes“ bezeichnet. Die Bibelschule sei „ziemlich verquer“, heißt es in der evangelischen Kirche der Region. Viele Russlanddeutsche fühlten sich zu diesem und ähnlich auftretenden Vereinen hingezogen. Die niederländische Hilfsorganisation „Worldwide Services“, für die Anita G. und Rita S. als Praktikantinnen im Jemen tätig waren, sei bislang nicht als christlich-fundamentalistisch aufgefallen, sagen Sicherheitsexperten.

Unklar bleibt, ob Al Qaida oder lokale Verbündete für das Geiseldrama verantwortlich sind. Bislang gebe es keinen direkten oder indirekten Kontakt zu den Entführern, hieß es am Dienstag in Sicherheitskreisen. Das Verhalten der Geiselnehmer sei verwirrend. Rein kriminelle Gruppen würden sich rasch melden und Lösegeld verlangen – und die Tötung von Geiseln möglichst vermeiden. Bei islamistischen Entführern sei eine Botschaft zu erwarten, in der politische Forderungen gestellt werden, doch bislang gebe es weder im Internet noch sonst wo ein Signal.

Al Qaida ist allerdings im Jemen trotz einiger Rückschläge eine gefährliche Größe. Das Land sei für die Terrororganisation zunehmend als Rückzugsraum von Bedeutung, sagen Sicherheitsexperten. Kämpfer aus dem Irak, Afghanistan und anderen „Dschihad-Schauplätzen“ kämen in den Jemen. Al Qaida selbst befinde sich im Land „in einer Phase der Reorganisation“. Die jemenitische Filiale habe sich mit der saudiarabischen zusammengeschlossen.

Im vergangenen Jahr seien die jemenitischen Sicherheitsbehörden hart gegen die zum Al-Qaida-Spektrum zählenden „Dschund-al-Islam-Brigaden“ vorgegangen, berichtet ein Experte. „Einige wichtige Leute“ seien ausgeschaltet worden. Dennoch bleibe Al Qaida im Jemen handlungsfähig. Im März tötete ein Selbstmordattentäter in der Provinz Hadramaut vier südkoreanische Touristen und ihren einheimischen Begleiter. Bei einem weiteren Selbstmordanschlag im März nahe der Hauptstadt Sanaa kam „nur“ der Täter ums Leben. Das Auswärtige Amt warnt auf seiner Homepage eindringlich, im Jemen bestehe „ein erhebliches Risiko terroristischer Anschläge“ durch Al Qaida.

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