Politik : JEMEN

Präsident Saleh vergangene Woche, das Gesicht voller Brandverletzungen, Arme und Hände bandagiert.
Präsident Saleh vergangene Woche, das Gesicht voller Brandverletzungen, Arme und Hände bandagiert.Foto: REUTERS

„Wir werden nicht weichen, bis alle unsere Forderungen erfüllt sind.“ Seit fünf Monaten campiert Tawakkol Karman zusammen mit Zehntausenden auf dem Universitätsplatz in der Hauptstadt Sanaa. Die 32-Jährige ist die Sprecherin der jemenitischen Jugendbewegung. Kilometerlang ziehen sich die Zeltreihen durch die anliegenden Straßen. Ihre Bewohner fordern den Rücktritt von Präsident Ali Abdullah Saleh, der seit 33 Jahren an der Macht ist. Sie verlangen einen Nationalen Übergangsrat aus unbelasteten Persönlichkeiten sowie die komplette Auflösung des Regimes.

Doch die Machthaber wehren sich mit Händen und Füßen. „Wir befinden uns in einer totalen Blockade – militärisch und politisch“, erläuterte Abdel Karim al Eryani, ehemaliger Premierminister des Landes und Berater des Staatschefs, der am 3. Juni bei einem Attentat in seiner Palastmoschee schwer verletzt wurde. Saleh zeigte sich vergangene Woche erstmals im Fernsehen, das Gesicht von Brandverletzungen gedunkelt, Arme und Hände bandagiert. Von Abdankung und Machtverzicht wollte er nichts wissen, stattdessen beschuldigte er die Jugendbewegung, sie hätte „ein falsches Verständnis von Demokratie“.

Und so schlittert der Jemen immer schneller in den Abgrund. Schon jetzt ist das Land das Armenhaus der arabischen Welt, das mit den Staatseinnahmen praktisch komplett von seinen schwindenden Ölreserven abhängt. Momentan kann Sanaa nur noch 30 Prozent seines Bedarfes an Benzin und Diesel einkaufen, die wichtige Ölexportleitung von Marib nach Aden ist durch Sabotage zerstört. Stundenlange Stromsperren plagen die 23 Millionen Bewohner. Die Ernte vertrocknet auf den Feldern, weil den Wasserpumpen der Treibstoff fehlt. Und im Kampf gegen Al-Qaida-Kommandos an der Küste sind die Regierungstruppen seit Wochen in der Defensive.

Mehr als 150 Soldaten sind in den vergangenen Wochen gefallen, die radikalen Gotteskrieger nehmen die Hafenstadt Aden inzwischen von zwei Seiten in die Zange. Auch politisch ist keine Lösung in Sicht.

Die Familie Saleh kontrolliert die wichtigen Elitetruppen und Sondereinheiten, ihre Mitglieder stellen die Legitimität der Jugendproteste komplett in Abrede. Die Oppositionsparteien wiederum können sich nicht mit ihrem Vorschlag einer Übergangsregierung der Nationalen Einheit durchsetzen. Und der dritte wichtige Spieler in Jemens Machtpoker, der zusammen mit seiner Division abtrünnige General Mohsen al Ahmar, hüllt sich in Schweigen.

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