Jenaer Neonazi-Trio : Ein Sozialarbeiter macht sich Vorwürfe

29.11.2011 17:30 UhrVon Veronica Frenzel
Willkommen im Club? 1991 bei der Eröffnung des Jugendtreffs: Uwe Mundlos mit schwarz-rot-goldenen Hosenträgern, links Thomas Grund. Foto: Frank Döbert
Willkommen im Club? 1991 bei der Eröffnung des Jugendtreffs: Uwe Mundlos mit schwarz-rot-goldenen Hosenträgern, links Thomas Grund. - Foto: Frank Döbert

Er hörte die Nazisprüche – und wusste nicht: Was tun? Thomas Grund hatte in den 90er Jahren als Sozialarbeiter mit dem Terror-Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe zu tun. Heute ärgert er sich über sein Zögern.

Es ist dieser Satz, an den er sich heute noch erinnert: „Zuerst einmal müssen die Ausländer weg.“ Beate Zschäpe, damals 17 Jahre alt, sagte ihn, als sie sich an einem Sommerabend in Jena im Jugendtreff Winzerclub mit ein paar Mädchen unterhielt. Es ging um Zukunftspläne, Berufswünsche, eine wollte Friseurin werden, eine andere Lehrerin. Ob daraus etwas geworden ist, wer weiß. Dass aber Beate Zschäpe ihren Satz in blutige Realität verwandelte und eine Neonazi-Terroristin wurde, weiß heute jeder.

Und derjenige, der damals die Unterhaltung der Mädchen mithörte, Thomas Grund, Sozialarbeiter bis heute, verzweifelt daran, dass er vielleicht eine der letzten Möglichkeiten, auf Beate Zschäpe Einfluss zu nehmen, verpasste.

Denn er ist nicht auf ihre Bemerkung eingegangen.

Das lag ein bisschen auch an der Zeit. Sie haben Anfang der 90er Jahre in Jena die ganze Jugendarbeit wie auch den Jugendtreff Winzerclub gerade neu aufgebaut und dann festgestellt, dass unter den Jugendlichen, mit denen sie es zu tun bekamen, auch welche waren, die rechte Parolen verbreiteten. Sollte man das gleich wieder sanktionieren? Verbieten? Bestrafen? Wo die Freiheit der Rede so jung war.

Der Winzerclub, in dem Grund seit 20 Jahren arbeitet, liegt im Jenaer Stadtteil Winzerla, in dem Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt, das Neonazi-Trio, das für zehn Morde und viele Raubüberfälle verantwortlich gemacht wird, groß geworden sind. Sie kamen regelmäßig. Erst Mundlos und Zschäpe, dann Zschäpe und Böhnhardt, dann alle drei. Im selben Jahr nahm auch die rechte Gewalt in Jena zu.

Es gibt noch zwei Szenen, die Thomas Grund zu der Terrorzelle einfallen: Wie Beate Zschäpe und Uwe Mundlos einmal in den Jugendclub eingebrochen sind, 1992, da waren die zwei ein Paar. Sie knackten den Tresor, klauten Geld und Zigaretten. Grund bekam das mit, aber er rief nicht die Polizei, sondern setzte sich mit ihnen an einen Tisch und bot an, alles zu vergessen, wenn sie den Schaden bezahlten. „Das ärgert mich wahnsinnig, dass ich damals nicht anders reagiert habe“, sagt der 58-Jährige heute, er steht dabei am selben Ort, im Jugendtreff, der heute statt Winzerclub Hugo heißt. „Damals dachte ich, ich würde ihr Vertrauen gewinnen, wenn ich ihnen entgegenkomme.

Kurz nach dem Einbruch dann saß Grund mit Uwe Mundlos und anderen Jugendlichen an einem Tisch, sie tranken Bier, da hörte er Mundlos sagen: „Das KZ Buchenwald haben die Russen doch nach ’45 gebaut, damit wir Deutschen uns schuldig fühlen.“ Grund erinnert sich an seine Wut. „Das ist eine Lüge!“, habe er gerufen. „Du bist derjenige, der lügt“, antwortete Mundlos und fixierte Grund ganz ruhig. Auch die anderen Jugendlichen am Tisch blickten den Sozialarbeiter an. Der merkte, dass nicht klar war, wer der Gewinner ist, und fühlte sich hilflos. „Es war schrecklich“, sagt Grund. Mundlos habe keinen Zweifel gehabt.

Grund erkannte den Ernst der Lage. Er setzte sich kurz darauf mit Reinhard Schwabe zusammen, dem Leiter des damals auch noch neuen Jugendamts in Jena. Gemeinsam stellten sie Regeln auf für den Umgang mit rechten Jugendlichen. „Wir reden nicht mit Kadern über Politik“, beschlossen sie. „Wir arbeiten mit rechtsgefährdeten Jugendlichen.“

Noch gefährdet oder schon gefestigt. Das sollte den Unterschied markieren. Aber was waren die Kriterien? Es zeigte sich, dass die Regeln schwer umzusetzen waren.

Reinhard Schwabe ist auch heute noch zuständig für Jugendarbeit in Jena. Er sitzt in seinem Büro gleich neben dem Rathaus in Jena. Neonazis habe es auch in der DDR gegeben, sagt er, Mitte der 80er Jahre seien die ersten Skinheads aufgetaucht. „Wir dachten, wir wüssten schon, mit dem Problem umzugehen.“ Dabei hätten sie doch keinerlei Erfahrung gehabt, Amateure seien sie gewesen und naiv.

Seite 2: Er wollte den Jugendlichen einen Raum geben, um sich auszuprobieren.

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