• Jens Reich über Gründungsgeschichte der Bürgerbewegung: "Der Aufbruch begann wie ein Anglerverein"

Politik : Jens Reich über Gründungsgeschichte der Bürgerbewegung: "Der Aufbruch begann wie ein Anglerverein"

Jens Reich

Wir sind keine Helden der Geschichte, die sich für eine heroische Sache aufgeopfert hätten. Wir sind auch keine Sieger der Geschichte. Niemand von uns ist Berufspolitiker geworden, niemand ist heute Abgeordneter, niemand Minister. Vielen von uns, nicht allen, geht es gut, wir arbeiten in unseren Berufen. Einigen ist der Einsatz der politischen Opposition gegen die SED auch nach 1990 nicht gut bekommen. Auch in der Bundesrepublik zahlt sich zivil gesellschaftlicher Eigensinn nicht aus.

Das Neue Forum, zu dessen Gründung wir aufriefen und dem wir beitraten, hat sich später DDR-weit entwickelt, trat auch mit anderen Gruppen zur Wahl vom März 1990 und zu späteren Wahlen an und kam stets über einige Prozent nicht hinaus. Wir haben das als Demokraten akzeptiert. Für die deutsche Vereinigung können wir auch nicht ausgezeichnet werden, weil wir sie beim Verfassen des Ausrufs überhaupt nicht im Blick hatten und auch später, bis heute, unterschiedlicher Meinung darüber sind, ob es weiter eine demokratisch reformierte, freie DDR hätte geben sollen, anstelle der schnellen Vereinigung von 1990.

So aktuell wie damals

Und doch sind wir der Meinung, dass wir uns nicht verstecken müssen, dass wir mit unserer Initiative von 1989 keineswegs gescheitert sind, sondern die wesentlichen Ziele erreicht haben. Wir haben beigetragen zur Selbstbefreiung der DDR und zur friedlichen Beseitigung des SED-Regimes. Wir nehmen den Preis an, werden ihn an Bürgerinitiativen weitergeben, die sich heute im Sinne des damaligen Aufrufs mit Zivilcourage für Bürger- und Menschenrechte einsetzen. Wir meinen sogar, dass unser Aufruf zur politischen Einmischung in die eigenen Angelegenheiten heute genauso aktuell ist wie damals, auch wenn sich die Umstände entscheidend geändert haben. Der Erstauruf des Neuen Forum wurde am 9./10. September 1989 in der Wohnung von Robert Havemann verfasst. Die 30 Erstunterzeichner sind nicht systematisch ausgesucht worden; es gab auch keine formale Einladung. Die meisten Teilnehmer waren in kirchlichen und Oppositionsgruppen aktiv, hatten aber kein formales Mandat, kein Programm. Wer damals dabei war, weiß, dass organisatorische Vorarbeit nur der Staatssicherheit genützt hätte, die ohnehin Wind von der Sache bekommen und einen Informanten "entsandt" hätte.

Der Aufruftext "Die Zeit ist reif!" wurde an alle Medien versandt. Die DDR-Medien leiteten den Text an die Stasi weiter und schwiegen; die westlichen Medien erkannten die neuen Töne, fassten den Text als sensationellen Aufbruch auf und verbreiteten die Nachricht, seltener den eigentlichen Text.

Die Erstunterzeichner brachten innerhalb von zehn Tagen größere Unterstützergruppen zusammen und schafften es, in nahezu jedem Bezirk der DDR und bei der Regierung den Antrag auf Zulassung der Vereinigung formal einwandfrei einzureichen. Prompt erfolgte die Kampfansage des Ministeriums des Inneren, des Zentralkomitees und der Staatssicherheit, dass die Sache inhaltlich illegal und verfassungsfeindlich sei.

Eine ganz spontane Aktion

Danach explodierte die spontane Zustimmung der Bevölkerung, wo immer der Aufruf verbreitet wurde. Die meisten Erstunterzeichner gründeten lokale Gruppen und arbeiteten bei ihnen mit. Weitere Aktivisten stießen überall dazu und gründeten Ortsgruppen. Binnen wenigen Wochen gab es Hunderttausende von Beitrittserklärungen und Sympathiebekundungen. Bei den großen Demonstrationen (z. B. Leipzig, Dresden, Magdeburg, Rostock, Schwerin, Plauen, Weimar, Karl-Marx-Stadt, Erfurt, Halle, Potsdam), aber auch in unzähligen kleineren Orten spielte die Forderung nach Zulassung des Neuen Forum eine wichtige politische Rolle, den ganzen Herbst 1989 hindurch bis zum Jahreswechsel. Mit Öffnung der Mauer und dem absehbaren Zusammenbruch der ganzen DDR ging der Einfluss zurück.

Man darf die Bedeutung des Erstaufrufs nicht überschätzen; aber das Licht muss auch nicht unter den Scheffel gestellt werden. Die Gruppe der Erstunterzeichner rekrutierte sich aus den kritischen Oppositionsbewegungen auf spontane Art. Das Ziel des Aufrufs, auch im Unterschied zu zahlreichen anderen Initiativen und Papieren jener Monate, lässt sich kurz charakterisieren: Heraus mit dem Protest aus dem Schutzraum der Kirche, in die offene Diskussion! Nicht allein mit Pastoren und Kirchenmitarbeitern antreten, um die breite Bevölkerung, die nicht mehr zur Kirche gehört, mitzunehmen! In die ganze DDR, nicht nur nach Berlin und in die anderen Großstädte! Nicht reine Männerzirkel, auch Frauen gehören dazu! Nicht nur Akademiker! Der Appell geht an die Bevölkerung, will nicht mehr nur den hermetischen Dialog mit alternativen Dissidentenkreisen wiederholen!

Der Aufruf benennt die brennenden Probleme in der damaligen Sprachlosigkeit, die nicht zuletzt bedingt war durch den massenhaften Weggang junger Menschen. Er verzichtet im Gegensatz zu anderen Gruppierungen bewusst auf ein ausgearbeitetes politisches Programm, das nur in Interessengruppen polarisiert hätte. Es ging um den Aufbruch aus der schweigenden Resignation, unabhängig zunächst vom politischen und weltanschaulichen Standort. Wir luden ausdrücklich auch die Mitglieder der SED ein, wenn sie für demokratische Reformen optierten. Die programmatische Offenheit, die Aussparung von Themen wie Sozialismus, Dritter Weg, deutsche Frage waren kalkuliert, das war dann die Stärke des Neuen Forum bei der Mobilisierung der Menschen, war auch die Schwäche im späteren Verlauf, als Programme notwendig wurden. Das eigentliche politische Programm des Neuen Forum, nämlich die Neugeburt der politischen Struktur "von unten", aus den Bürgergruppen und Kommunen, konnte, wie sich zeigte, nicht durchgesetzt werden. Die Neugestaltung "von oben", als Entwurf der "Wissenden" vorgetragen und durch Wahlen passiv bestätigt - das war nicht unser Konzept und brachte uns an den Rand der politischen Bewegung. Das heißt nicht, dass wir unser Konzept für falsch halten.

Bürger sollten sich einmischen

Der Text des Aufrufs wurde sorgfältig daraufhin redigiert, dass er für jeden verständlich und wirklich allgemeine Missstände benannte. Wir wollten erreichen, dass möglichst alle Bürger sich in ihre eigenen Angelegenheiten, in die Misere am Ort einmischten, und dazu mussten hohle Phrasen und von oben benannte Themen ausgespart werde. Wir wollten den ausgewalzten Politjargon sowohl der offiziellen DDR als auch der alternativen Dissidenten vermeiden. Dass das vielleicht nicht ganz, wohl aber hinreichend massenwirksam gelungen war, zeigte die Welle spontaner Zustimmung.

Ein taktischer Trick war der legalistische Mantel. Alle Erstunterzeichner hatten mit Parteien nach 40 Jahren DDR nichts im Sinn. Da kam es zupass, dass die DDR kein Parteiengesetz, wohl aber ein Vereinsgesetz mit klaren Regelungen hatte. Es entbehrt nicht der Ironie, dass die DDR am Schlafittchen ihrer eigenen Gesetzlichkeit gefasst wurde, die sie nicht einhielt. Das war kalkulierte Naivität, den Aufbruch sozusagen als Angler Verein zu beantragen. Gerade der gesetzestreue Antrag machte es zahllosen Menschen leichter, sich aus der vorsichtigen Deckung zu wagen und gegen das willkürliche Verbot zu argumentieren. Wer das als deutsche Spießbürgermentalität abtun möchte, sollte sich überlegen, dass grade in kleinen Orten das Bekenntnis zum politischen Aufbruch hohe Zivilcourage erforderte: Jeder kannte jeden, und keiner konnte sich in der Anonymität einer großen Stadt verbergen und auf den Schutz von Kirche oder Westmedien hoffen. Die Legalität, die Berufung auf die DDR-Verfassung war in den ersten Wochen eine wichtige Waffe grade für die Normalbürger. Ebenso wie die strikte Ausrichtung auf gewaltfreies Vorgehen. Es nahm den Hardlinern jeden Vorwand, einen Bürgerkrieg zu entfachen, um die Bewegung zu ersticken.

Der Aufruf war gut kalkuliert, besser als wir damals ahnten. Er half der entstehenden politischen Bewegung aus ihrer Sprachlosigkeit. Er war ein Angebot an alle die "hier bleiben", die sich nicht durch Auswanderung der Misere entziehen wollten. Der Aufruf war ein Streichholz, das in einem politischen Pulverfass die Zündung für die gewaltlose, basisdemokratische Revolte auslöste.

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