Jens Söring - seit 26 Jahren in Haft : "Verkraften kann man das nicht"

"Irgendwann kann man nicht mehr glauben, dass es einen Gott gibt, der einem Gutes will". Jens Söring, der seit 26 Jahren in US-Haft sitzt – unschuldig, wie er behauptet – über die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit, Freundschaft und den Glauben.

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Mehr als die Hälfte seines Leben verbrachte Söring (hier auf einem undatierten Bild) bisher im Gefängnis. Der US-Bundesstaat Virginia lässt ihn nicht in seine deutsche Heimat zurückkehren.
Mehr als die Hälfte seines Leben verbrachte Söring (hier auf einem undatierten Bild) bisher im Gefängnis. Der US-Bundesstaat...Foto: picture-alliance/ obs

Ihre Stimme klingt so energisch, Sie strahlen eine souveräne Ruhe aus. Sind Sie wirklich in einer gefestigten Verfassung?

Ich habe nicht aufgegeben. Zugleich sehe ich meine Situation sehr realistisch. Heute bin ich genau 26 Jahre, drei Monate und 25 Tage im Gefängnis. Ich weiß, wie schlecht meine Lage ist. Aber erstens bin ich unschuldig. Deshalb kann ich nicht aufhören zu kämpfen. Ich kann doch nicht der Gegenseite recht geben. Ich habe mir die Sache selbst eingebrockt, indem ich die Polizei belogen habe, als ich ein 19-jähriger dummer Bursche war. Falsche Geständnisse gibt es überraschend häufig. In 25 Prozent der Fälle, wo die Unschuld durch DNA-Tests bewiesen wurde, gab es vorher falsche Geständnisse. Es ist nicht so ungewöhnlich, was ich da als 19-Jähriger gemacht habe. Im Übrigen habe ich das der Polizei damals gesagt, dass ich bereit wäre, mich für schuldig zu erklären, obwohl ich die Tat nicht begangen habe. Das ist keine Ausrede, die ich mir später ausgedacht habe ...

… erlauben Sie mir …

... lassen Sie mich das noch sagen – dann können Sie fragen: Ich habe eine klitzekleine Chance auf Bewährung, weil ich zu den Altfällen aus der Zeit vor 1995 gehöre. Damals gab es die Möglichkeit noch. 1995 wurde die Freilassung auf Bewährung abgeschafft. In Virginia wird das zwar nur in zwei bis drei Prozent der Altfälle genehmigt und bei Lebenslänglichen ist die Quote noch niedriger. Viele meiner Kollegen hier, die nach 1995 verurteilt wurden, wissen, dass sie im Gefängnis sterben werden. Lebenslänglich heißt für sie wirklich: bis zum Tod. Ich bin so dankbar, dass ich wenigstens eine ganz kleine Chance habe, rauszukommen. Und dass ich so viel Unterstützung bekomme.

Sie haben noch Hoffnung auf ein Leben in Freiheit?

Ja. Während wir telefonieren, schaue ich auf Zelle 111. Da wohnt ein Mann, der ist geisteskrank. Er sitzt seit 44 Jahren. Daneben, in Zelle 110, lebt ein 84-Jähriger. Der wurde erst vor ein paar Tagen wieder abgelehnt vom Parole-Board (Bewährungsausschuss), weil er angeblich ein Risiko für die Gesellschaft ist. Dabei ist er blind. Wir müssen ihm jeden Tag helfen, den Teller mit dem Fraß bei der Essensausgabe in Empfang zu nehmen, weil er das nicht allein kann. Und der soll eine Gefahr sein? Mit mir sitzen einige, die sind unsichtbar geworden für die Außenwelt. Ich bin nicht unsichtbar.

Welchen Weg halten Sie für den chancenreichsten: Gnadenakt des Gouverneurs, Überstellung nach Deutschland, Bewährungsverfahren?

Einen Gnadenakt wird es nicht geben. Das ist politisch zu riskant für den Gouverneur. Ein Verfahren zur Haftüberstellung müsste ich juristisch eigentlich gewinnen. Aber es gibt hier in Virginia keine unabhängige Justiz. Deshalb glaube ich nicht mehr an den Erfolg dieser Option, sondern setze meine Hoffnung ganz auf Parole, also Bewährung, was im Ergebnis die Abschiebung nach Deutschland bedeutet. Darüber entscheidet ein Ausschuss, der offiziell unabhängig ist. Der Gouverneur muss keine politische Verantwortung übernehmen, seine Fingerabdrücke wären nicht zu sehen. Das wäre ein Vorteil.

Der Gouverneur hat die Vorsitzende des Ausschusses, die ihren Antrag abgelehnt hatte, ausgetauscht. Ein gutes Zeichen?

Nein. Diese Posten sind Belohnungen für Leute, die im Wahlkampf geholfen haben. Jeder neue Gouverneur ernennt ein neues Parole-Board und nimmt dafür Freunde, denen er einen Gefallen tun will. Der Lohn ist hoch, und die Arbeit ist leicht.

Sie haben kürzlich gesagt, nur Berlin kann Sie rausholen. Welche Rolle spielt die deutsche Unterstützung ganz konkret?

Die deutsche Politik spielt eine Schlüsselrolle. Die Entscheidung wird letztlich nicht vom Parole-Board gefällt, sondern im Amt des Gouverneurs. Auf ihn muss politischer Einfluss genommen werden. Der kann nur aus Washington und aus Berlin kommen. Ohne ihn wird man mich nicht freilassen.

Wie gut fühlen Sie sich dabei unterstützt? Wie oft erhalten Sie zum Beispiel Besuch von deutschen Diplomaten?

Knut Abraham, Generalkonsul seit 2011, besucht mich alle zwei bis drei Monate. Zuvor sein Vorgänger Klaus Botzet.

Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, war bei Ihnen im Gefängnis.

Richtig. Und ebenso der Abgeordnete Peter Beyer, Berichterstatter für die atlantischen Wirtschaftsbeziehungen.

Halten Sie es für hilfreich, deutsche Firmen einzuschalten – nach der Devise: Wir würden ja gerne in den USA investieren, aber dem Gouverneur von Virginia müssen wir sagen, in ihrem Staat gibt es ein Problem, das uns davon abhalten könnte?

Es gibt vielversprechende Kontakte zu Firmen. Die wollen sich momentan noch im Hintergrund halten. Aber ich bekomme Unterstützung, dafür bin ich dankbar.

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