Politik : Jenseits der Anträge

Deike Diening

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der Himmel und der Bundestag ähneln einander in ihrer vermuteten Unendlichkeit. Ein ewiger Strom von Drucksachen – Gesetzesvorlagen, Stellungnahmen, Beschlusspapiere und Anträge – wird im parlamentarischen Betrieb besprochen. Was nicht Schrift wird, existiert nicht. Die Regierungen und die Minister wechseln, die Drucksachennummern laufen fort. Alcopops, Altersteilzeit, Ausbildungsumlage.

In ihrer Folge bringen die Gesetz gewordenen Schriftstücke Segen und Fluch über die Menschen, zu denen, man muss es vermuten, die Parlamentarier zunehmend den Kontakt verlieren. So hoch oben, in den Wolken der Politik: Gentechnisch veränderte Lebensmittel habe sie noch nirgendwo gesehen, sagte Renate Künast neulich. Dann fiel ihr ein, dass sie ja überhaupt nicht mehr in die Läden kommt. Sind Parlamentarier längst immun gegen Versuchungen der Wirklichkeit? Wie Engel gegen das irdische Leben?

Da ist es ein Glück, dass es das Referat Pl 5, Historische Ausstellung – Sonderprojekte des Bundestages, gibt. Es hat für die Bundestagsbediensteten und die Öffentlichkeit eine Filmreihe entwickelt mit dem Thema „Berlin“. Per Hausmitteilung werden die knapp zweieinhalbtausend Mitarbeiter des Bundestages über die Filme informiert: jeden ersten Dienstag im Monat, im Kinosaal des Deutschen Doms, Eintritt frei. Früh kommen, da es nur gut 60 Plätze gibt, heißt es beim Referat.

Beim letzten Mal gab es „Eins, Zwei, Drei“ von Billy Wilder. Im Mai und Juni gibt es zwei Dokumentarfilme und im Juli „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders. Darin belauschen bekanntlich zwei Engel, dem Himmel entstiegen, die Menschen mit ihren poetischen Banalitäten. Und kommen so weit, dass sie das Menschliche dem Himmlischen vorziehen. Vielleicht können auch die Parlamentarier den Wolken entsteigen wie Bruno Ganz dem Himmel und dem Wunder einfachster Sinneserfahrung erliegen. Das könnte dann auch Folgen für die Drucksachen haben.

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