Politik : Jenseits der roten Linie

Die Alliierten hatten vor Chemiewaffen gewarnt – inzwischen tragen ihre Soldaten aber keine Schutzanzüge mehr

Alexander Visser

Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bisher nicht bestätigt. Obwohl US-Truppen ins Zentrum Bagdads eingedrungen sind, hat das Regime Saddam Husseins noch keine Massenvernichtungswaffen eingesetzt. Offenbar rechnet die militärische Führung der Alliierten auch nicht mehr damit: Am Montag kämpften Einheiten der US-Marines im Südosten der Hauptstadt erstmals in leichten Tarnuniformen statt im schweren Schutzanzug, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Ein Chemiewaffenangriff sei aus Sicht der Kommandanten „derzeit keine ernsthafte Bedrohung“.

Zweieinhalb Wochen nach Kriegsbeginn stellt sich die Frage, ob die irakische Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen, die die USA als Hauptgrund für den Einmarsch präsentiert hatten, von den Alliierten übertrieben dargestellt wurde. Noch Ende März hatte US-General Vincent Brooks von Geheimdienstinformationen gesprochen, wonach die irakische Führung „erste Befehle“ zum Einsatz von Bio- oder Chemiewaffen gegeben habe, falls die Alliierten auf dem Weg in das Stadtzentrum eine „rote Linie“ überschreiten sollten. Doch alle denkbaren roten Linien haben US-Panzer längst überrollt.

Auch die Suche nach Massenvernichtungswaffen in den bereits besetzten Gebieten blieb bislang erfolglos. Zwar meldeten die Alliierten am Montag einen Fund: In einem Lagerhaus bei der zentralirakischen Stadt Hindijah hätten Detektoren für chemische Kampfstoffe angeschlagen, berichtete ein US-Militärsprecher. Doch schon mehrfach hatten die Alliierten suspekte Materialien und Produktionsstätten gemeldet – bisher hat sich kein Verdachtsfall bestätigt.

US-Panzer rollen durch Bagdad, und das irakische Regime setzt keine chemischen oder biologischen Kampfstoffe ein: Weil Saddam gar keine Massenvernichtungswaffen hat? Gary Samore vom Londoner Institute for International and Strategic Studies (IISS) sieht andere Gründe: „Es scheint die politische Strategie des Irak zu sein, weltweit Opposition gegen den US-geführten Krieg mobilisieren zu wollen“, sagt Samore. Das Regime hoffe, durch politischen Druck einen Waffenstillstand erreichen zu können. „Durch den Einsatz von Massenvernichtungswaffen würde der Irak jegliche politische Unterstützung verlieren“, sagt Samore.

Hinzu kommen nach Ansicht des IISS-Experten militärische Gründe: Der Irak habe nur sehr beschränkte Trägersysteme für chemische Waffen, etwa unpräzise Kurzstreckenraketen. Auch die irakische Artillerie, die im Prinzip Chemiegranaten verschießen könne, sei im gesamten Krieg kaum zu gezielten Angriffen in der Lage gewesen. Zudem verfügten die Alliierten über geeignete Schutzausrüstung. Doch die Gefahr sei noch nicht gebannt: Ein in die Ecke gedrängter Saddam könnte als letztes Mittel Massenvernichtungswaffen einsetzen, vermutet Samore. „Für die Opfer unter der eigenen Bevölkerung würde er die Alliierten verantwortlich machen.“

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