Jesuitenpater Klaus Mertes : "Sühne muss auch wehtun"

Jesuitenpater Klaus Mertes sprach mit dem Tagesspiegel über die Täter-Opfer-Debatte in der katholischen Kirche, Homosexualität und Sterbehilfe.

Die „Causa Mixa“ hat der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche geschadet. Dabei ist das Vertrauen in die Institution eh schon dramatisch gesunken. Macht Ihnen das Angst?

Nein. Mir macht der Glaubwürdigkeitsverlust weniger Sorge als die Sorge um den Glaubwürdigkeitsverlust.

Wie meinen Sie das?

Mit aller Sorge um den Glaubwürdigkeitsverlust gewinne ich keine Glaubwürdigkeit zurück. Vertrauen und Glaubwürdigkeit erringe ich nur, wenn ich sie nicht erringen will. Das ist wie mit der Liebe: Ich verliebe mich nicht, wenn ich mich verlieben will.

Wenn die Kirche jetzt über Strategien nachdenkt, wie man Vertrauen zurückgewinnt …

… dann führt das zu nichts.

Worum müsste es der Kirche denn gehen?

Um Versöhnung. Um Versöhnung zwischen Opfern und Tätern.

Vor kurzem hat eine Gruppe von ehemaligen Schülern von Jesuitenschulen Sie und andere Patres zu einem „Eckigen Tisch“ eingeladen. Ging es da um Versöhnung?

Aus meiner Perspektive ja. Beim Eckigen Tisch saßen sich ja „Opferseite“ und „Täterseite“ gegenüber. Ich habe diesen Wunsch nach Versöhnung gehört, da dort auch die Forderung nach einem Zeichen der Sühne laut wurde. Sühne ist ein Beitrag der Täterseite zur Versöhnung. Was wir aber nicht können, ist, die Opfer von ihren Leiden zu erlösen. Da kommen wir an die Grenzen dessen, was wir leisten können.

Ist Versöhnung überhaupt möglich?

Für die Opfer ist es zunächst ganz wichtig, dass der Täter bestraft wird. Die Annahme der Strafe ist ein Aspekt von Sühne.

Aber viele Täter können nicht mehr belangt werden, die Taten sind verjährt.

Dafür trägt das damalige Versagen der Institution die Verantwortung. Deshalb muss sie sich heute dem Anliegen der Sühne stellen. Das ist auch ein christliches Thema. Beim letzten Abendmahl sagt Jesus: „Das ist mein Blut zur Vergebung der Sünden.“ Das heißt: Sühne muss auch wehtun. Es geht nicht, dass ich ein bisschen von der Portokasse abgebe. Das wäre ein billiges Freikaufen.

Was bedeutet das konkret? Für Sie?

Dass ich diesen Prozess weiter mitgehe – als Vertreter der Täterseite. Das kostet Kraft. Denn natürlich frage ich mich manchmal: Warum tust du dir das an? Ich persönlich habe niemanden von denen, die mir gegenübersitzen, missbraucht. Das bedeutet auch, Ängste auszuhalten. Vor dem Treffen am Eckigen Tisch hatte ich Bammel. Werden wir da vorgeführt? Dort hinzugehen bedeutete für mich auch: der einladenden Opferseite mit Vertrauen entgegengehen, dass sie fair mit uns umgehen werden. Also: Kontrolle loslassen.

Was bedeutet es für den Orden?

Es werden hohe Geldbeträge gefordert, Pauschalbeträge. Eine andere Möglichkeit wäre, dass der Orden oder die katholische Kirche die Missbrauchsfälle zum Anlass nehmen, um größere Beträge zu geben: Damit könnte man eine Stiftung oder einen Fonds gründen zur Begleitung von Missbrauchsopfern, für Prävention an Schulen.

Ist das nur Ihre Meinung?

Nein. Wir diskutieren das intensiv im Orden. Ich sehe es auch als unsere Aufgabe an, dass wir diese Sühneforderung der Opferseite in der Kirche überhaupt verständlich machen. Es gibt ja auch viel Widerstand gegen dieses Thema. Wir sollten auch nicht zu lange warten mit Antworten. Die Opfer wollen bald mit dem Prozess abschließen. Beim Eckigen Tisch wurde deutlich, dass die Opfer wenig Vertrauen in den Runden Tisch der Bundesregierung haben. Sie erwarten, dass wir Jesuiten schneller sind.

Nun wurde oft gefordert, die Kirche müsse grundsätzlich ihre Strukturen überdenken, um Missbrauch vorzubeugen. Wäre das auch eine Form von Sühne?

Ja. Zum Prozess der Versöhnung gehört, dass der Täter nicht einfach so bleibt, wie er ist. Wir müssen aufmerksamer für Täter und Opfer in unseren eigenen Reihen und in der Gesellschaft werden und unsere Sprachlosigkeit überwinden. Wir müssen uns fragen: Was ist der katholische Geschmack nicht nur des Missbrauchs, sondern auch des Wegschauens?

Ein wichtiger Punkt dabei ist das Thema Homosexualität. Warum?

Weil ein Teil der Übergriffe am Kolleg eine homophobe Struktur hatte – homosexuelle Jugendliche waren in besonderer Weise Opfer. Dies hat der Eckige Tisch noch einmal betont. Die biblisch-christliche Anthropologie geht von fruchtbarer Sexualität als Norm für die Geschlechterbeziehung aus; unter dieser Voraussetzung gilt homosexuelle Liebe als defizitär. Gleichzeitig ist es heute wissenschaftlicher Konsens, dass Homosexualität zur Natur gehört. Wäre es deshalb nicht an der Zeit, dass die Kirche anerkennt, dass das Phänomen Homosexualität in der Bibel eigentlich noch gar nicht voll wahrgenommen wird? Das muss ja kein Mangel sein. Dass sich die Erde um die Sonne dreht, spielt in der Bibel schließlich auch keine Rolle.

Aber hat Paulus nicht gesagt: „Ein Christ, der einen homosexuellen Lebensstil praktiziert, der sollte wissen, dass er das Reich Gottes nicht erben wird“?

So hat er das nicht gesagt. Im Römerbrief nimmt er Homosexualität als Beispiel für die Verkehrung der Schöpfungsordnung durch die Sünde. Ich halte es aber für unzulässig, aus diesem Zitat abzuleiten, Gott ist gegen die Homosexualität. So kommen wir nicht weiter. Wenn ein Junge, provoziert durch den Missbrauch, sein homosexuelles Coming-out hatte und sich ein Leben lang aufgrund von missverstandenen Bibelzitaten wegen seiner Sexualität schuldig fühlen muss, dann wird es für ihn sehr schwer sein, diese Erfahrung aufzuarbeiten, ohne mit der Kirche zu brechen. Es müsste uns aber doch ein Anliegen sein, dass es eine Versöhnung innerhalb der Kirche gibt.

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass sich die Kirche ändert?

Es hat in den vergangenen Monaten zumindest einige erstaunliche Ereignisse gegeben: den offenen Schlagabtausch im Kardinalskollegium zum Beispiel, nachdem der frühere Kardinalsstaatssekretär Sodano an Ostern die Missbrauchsdebatte als „Geschwätz“ abgetan hatte. Auch die Aussage des Papstes, dass die Probleme nicht von außen, sondern von innen kommen, war ein großer Schritt. Ich weiß, dass Benedikt in der Aufklärung schon vor dem 29.1.2010 mutig war und auch Imageschäden dafür in Kauf nimmt. Auch der offene Konflikt unter den deutschen Bischöfen in der „Causa Mixa“ ist bemerkenswert. Bislang herrschte die Tendenz vor, die Einheit der Bischofskonferenz ist so wichtig, da dürfen interne Konflikte nicht sichtbar werden. Ich glaube auch, dass die Hierarchie jetzt noch mehr merkt, wie sehr sie auf die Laienvertretungen angewiesen ist. Die Rolle von Alois Glück und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken in den letzten Monaten war herausragend. Kirche ist schließlich nicht nur Hierarchie und Klerus. Aber es gibt auch neue Vertrauensprobleme, etwa zwischen Priestern und Bischöfen, wenn die Priester fürchten müssen, dass sie schon im Falle des Verdachts direkt angezeigt und vor der Presse ausgestellt werden.

Sie meinen wegen der Diskussion um die Anzeigepflicht?

Ich kenne Fälle, da wurde gesagt: „Nennen Sie mir den Namen des Verdächtigen nicht, sonst muss ich zur Staatsanwaltschaft gehen.“ Das zeigt doch: Eine Anzeigepflicht ist auch nicht im Sinne der Opfer. Die Staatsanwaltschaft ist ja auch keine Opferschutz-Organisation. Deren Botschaft an die Opfer lautet manchmal: Keine Vergewaltigung, keine Penetration? War doch gar nicht so schlimm!

Sind wir zu staatsgläubig?

Viel zu sehr.

Überschätzen wir auch den Staat, wenn wir erwarten, dass er unseren Umgang mit Sterbehilfe klärt? Der Bundesgerichtshof hat am Freitag entschieden, dass der Abbruch einer lebenserhaltenden Behandlung auf der Grundlage eines Patientenwillens nicht strafbar ist. Ein Grundsatzurteil?

Bei der Sterbehilfe kommen wir an die Grenzen dessen, was justiziabel ist. Da kann ich nur über Einzelfälle sprechen. Grundsätzlich ist es die Aufgabe des Arztes, Leben zu erhalten. Und es gibt die sinnvolle Unterscheidung zwischen aktiver, passiver und indirekter Sterbehilfe. Aber es gibt moralische Dilemmata, in denen sich Arzt und Angehörige ethischen Risiken nicht entziehen können. Die Verantwortung kann ihnen dann kein Gesetzbuch abnehmen. Das Gleiche gilt beim Thema Suizid. Grundsätzlich finde ich das moralische Verdikt gegen Suizid richtig. Aber es gibt Grenzsituationen, in denen ich mich eines moralischen Urteils über einen konkreten Suizid enthalten muss. Ich kann nicht einfach herumtrompeten, jeder Selbstmord ist Sünde, und damit so tun, als gäbe es keine Grenzsituationen, in denen wir sprachlos werden.

Das Gespräch führte Claudia Keller. Das Foto machte Thilo Rückeis.

Zur Person:

DER JESUIT

Klaus Mertes wurde 1954 in eine Diplomatenfamilie geboren und wuchs in Paris, Moskau und Bonn auf. Die Jesuiten prägten ihn schon als Schüler auf dem Aloisiuskolleg in Bonn. Nach Slawistik- und Philosophiestudium entschied er sich gegen eine Karriere als Musiker und trat mit 23 Jahren in den Jesuitenorden ein. Die ignatianische Pädagogik mit dem Ziel, die Schüler zu selbstständigem Denken zu erziehen, überzeugte ihn. Er wurde selbst Lehrer.

DER WIDERSTÄNDIGE

Klaus Mertes treibt die Frage um, wie in Systemen mit Macht und Autorität umgegangen wird. Von ihm stammt das Buch „Widerspruch aus Loyalität“. „Wo Kritik als Majestätsbeleidigung gilt, rieche ich die Anfälligkeit für Machtmissbrauch“, sagte er einmal.

DER AUFKLÄRER

Als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs machte Pater Mertes im Januar 2010 die ersten Missbrauchsfälle öffentlich.

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