Politik : „Jetzt geht es um den Irak“

Im bombardierten Bagdad wächst der Wille zur Verteidigung

Asne Seierstad[Bagdad]

„Wie können die nur glauben, dass sie Demokratie mit Gewalt einführen können?“ Qais ist vom Hocker im Teehaus „Al Sahawi“ in Bagdad aufgestanden. „Demokratie muss vom Volk selbst geschaffen werden“, sagt er und bebt vor Wut. Qais sagt, dass er sich für den Irak eine Demokratie wünsche, aber dass die Iraker sie selbst schaffen müssten. Er ist so erbost, dass er nicht mehr wägt, was er sagt. Der Wunsch nach Demokratie ist gefährlich, denn die Behörden bezeichnen das Land bereits als eine Demokratie. Aber es hat den Anschein, als seien die Leute in diesen Tagen weniger vorsichtig. Die Angst vor den Bomben hat die Angst vor dem Regime abgelöst. „Was halten Sie vom gegenwärtigen Regime?“ Qais steht da und starrt mich an. „Das ist nicht die entscheidende Frage. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Jetzt geht es um den Irak, jetzt geht es ums Vaterland. Man hat uns besetzt, wir müssen kämpfen.“

Im „Al Sahawi“, dem Teehaus an der Rashid-Straße, treffen sich die Männer aus dem Viertel regelmäßig. Sie spielen Backgammon, tauschen die letzten Neuigkeiten aus. Der Aprikosenduft der Wasserpfeifen hängt süß im Lokal. Die Männer sind sich in einem einig: dass die Sache lange dauern werde. Sie schätzen: einen Monat, zwei Monate, drei Monate, sechs Monate. „Die Sache nimmt kein Ende, ehe sich die Amerikaner nicht zurückziehen“, sagt ein emeritierter Professor der Biochemie. „Die Truppen sind sehr unausgewogen, schließlich sind wir fast entwaffnet. Die Amerikaner sind uns in allem überlegen, aber wir haben etwas, was sie nicht haben: Wir haben etwas zu verteidigen. Das hier könnte unser Stalingrad werden“, sagt der Professor. In Bagdad hat man den Eindruck, als würde der Verteidigungswille mit jedem Tag zunehmen. Jede Nacht werden mehrere Hundert Menschen ins Krankenhaus gebracht. Jede Nacht werden Menschen von Bomben und Raketen getötet. Bisher beträgt die Zahl der Getöteten im ganzen Land 350, die der Verletzten 3500, sagen die irakischen Behörden.

„Die Amerikaner haben sich verrechnet“, sagt ein westlicher Diplomat, der noch in Bagdad ist. „Sie haben geglaubt, dass das, was sie klar sehen, auch die ganze Welt klar sieht: dass Saddam Hussein ein verhasster Diktator ist, der weg muss. Sie haben damit gerechnet, dass die Iraker ihnen dafür danken würden.“ Doch jetzt sei das Land besetzt, gedemütigt. Das habe dazu geführt, dass Leute, die das Regime sonst keinesfalls unterstützt hätten, sich jetzt anwerben lassen. Die Amerikaner haben geschafft, was Saddam Hussein nie gelungen ist.“

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