Politik : Jetzt kommt’s dicke

Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig, sagt das Statistische Bundesamt im Mikrozensus 2003

Deike Diening

Diese Frage stellen sie nur alle vier Jahre und ganz am Ende. Erst wenn der Interviewer des Statistischen Bundesamtes über eine Stunde mit dem Bürger oder der Bürgerin zusammensaß, um den Fragebogen für die jährliche Mikrozensus-Umfrage auszufüllen, kommt sie. Aber so bereitwillig fast alle Auskunft über ihre Arbeit und ihr Privatleben geben – bei Größe und Gewicht verweigert ein Viertel die Antwort. Das Viertel wird wissen warum. Denn schon die Auskünfte der restlichen 73 Prozent zeigen: Jeder zweite Deutsche ist zu dick.

Vor allem die Männer haben an Gewicht gewonnen, ein ganzes Kilo im Schnitt seit 1999, die Frauen 600 Gramm. Die schwerste Last tragen ausgerechnet die Witwen mit sich herum: 54 Prozent von ihnen wiegen mehr, als ihnen gut tut. Es folgen die Verheirateten, danach die Ledigen. Von den Frauen zwischen 18 und 19 Jahren hingegen sind sogar 13 Prozent untergewichtig.

Gewichten will der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen, den Befund nicht. Der Mikrozensus, wie jedes Jahr auch 2003 im Mai erhoben, versucht durch Befragung von einem Prozent aller deutscher Haushalte zunächst einmal nur eine Datenbasis zu schaffen. Da steht dann neben dem Gewicht kommentarlos ein anderer Befund, bei dem die Witwen wieder günstiger davonkommen. Zwar essen die Deutschen nicht nur mehr oder zumindest ungesünder als früher, sondern sie rauchen auch mehr. Vor allem Frauen beginnen immer jünger mit dem Rauchen, und Menschen ohne Arbeit rauchen mehr als solche mit Job. Aber mit 12 Prozent stehen die Witwen hier am Ende der Skala.

Und noch einen dritten Trend – auf längere Sicht vermutlich den wichtigsten – weist die Erhebung aus. Immer mehr Menschen empfinden ihr Arbeitsleben als Provisorium. 1,1 Millionen Menschen in Lohn und Brot suchten eine andere oder zweite Stelle. Daran, so Hahlen, ist weniger die Zahl bemerkenswert als die Gründe. Für 25 Prozent der Job-Inhaber mit aufgestelltem Suchradar war das Ende ihres Arbeitsverhältnisses absehbar. Und weitere 20 Prozent bezeichneten ihre Arbeitssituation von vornherein als Provisorium – weil der Job tatsächlich befristet war, weil sie eine Teilzeitstelle hatten, aber voll arbeiten wollten, oder auch einfach, weil sie die Arbeitsmarktlage oder die ihres Unternehmens pessimistisch sahen. Zum Vergleich: Noch 1991 lag der Anteil dieser Gruppe nur bei sechs Prozent.

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