Politik : Jetzt sind die Männer dran

FDP: Es geht nicht nur um die Rolle der Frau / Die Kritik an den Aussagen von Bischof Mixa hält an

Christian Tretbar

Es gibt nicht viele männliche Politiker, die aus eigener Erfahrung über Kinderbetreuung sprechen können. Denn die wenigsten haben eine berufliche Auszeit genommen, um sich der Kindererziehung zu widmen. Dirk Niebel, der FDP-Generalsekretär, ist so ein Exemplar. Zwei Jahre Erziehungsurlaub hat er vor seiner Tätigkeit als Bundestagsabgeordneter genommen. „Ich habe mir die Betreuung mit meiner Frau geteilt, und von Urlaub kann keine Rede sein“, sagt Niebel. Ihn ärgert die Tendenz der aktuellen Debatte um einen Ausbau der Kinderbetreuung. „Es muss in der Diskussion um die Wahlfreiheit der Eltern gehen, nicht nur um die Rolle der Frau“, sagt Niebel.

Für ihn war es eine besondere Erfahrung, deshalb fordert er, dass mehr Väter für die Kinderbetreuung eine berufliche Auszeit nehmen. „Aber in vielen Betrieben ist es immer noch nicht schick, wenn Männer wegen der Kinder zu Hause bleiben“, sagt Niebel. Besonderen Anstoß nimmt der FDP-Generalsekretär an den neuerlichen Äußerungen von Bischof Walter Mixa, der es als „inhuman“ und eine Verletzung der „Würde“ bezeichnet hat, wenn Frauen sich entscheiden, nach einem Jahr Kinderbetreuung wieder in den Beruf einzusteigen. Vor allem die Tonlage stört ihn: „Damit trägt er nicht zur Versachlichung der Diskussion bei.“

Eine Reduzierung der Debatte auf die Rolle der Frau lehnt auch Bärbel Dieckmann ab: „Auch Männer können erziehen“, sagt die stellvertretende SPD-Vorsitzende. Ihr gehe es um Wahlfreiheit. „Niemand will Familien vorschreiben, wie sie ihr Leben zu meistern haben, aber wer sich entschließt, wieder in den Beruf einzusteigen, muss ein qualifiziertes Betreuungsangebot vorfinden, sonst gibt es keine Wahlfreiheit“, sagt Dieckmann. Die SPD-Politikerin spricht sich gegen zusätzliche finanzielle Leistungen für Eltern aus, die für die Kindererziehung zu Hause bleiben wollen. „Diese Familien profitieren bereits vom Ehegattensplitting, dem Kindergeld und dem Elterngeld“, sagt Dieckmann. Johannes Singhammer, familienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion hatte gefordert, das Kindergeld um 50 Euro pro Monat für Eltern mit zwei- und dreijährigen Kindern zu erhöhen. Dieckmann hält von diesem Vorschlag nichts: „Verschleppen, ausbremsen, torpedieren – das ist ganz offensichtlich die Strategie führender Unionsvertreter beim Ausbau der Krippenbetreuung“.

Unterstützung erhält Bischof Walter Mixa von Elisabeth Jünemann. Sie ist Professorin für katholische Sozialethik an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen und beklagt, dass es in der Diskussion immer weniger um die Familie geht. „Es gibt keine Motivation mehr, sich in der Familie zu engagieren, weil die Leistungen nicht mehr honoriert werden“, sagt Jünemann. Das Elterngeld sei keine Anerkennung für Kindererziehung. „Es ist abhängig vom bisherigen Einkommen und deshalb keine Belohnung für die Arbeit in der Familie“, sagt Jünemann. Bis vor kurzem sei es noch darum gegangen, die Kompetenzen der Eltern zu verbessern, doch davon sei jetzt keine Rede mehr. „Mit dem Ausbau der Krippenbetreuung werden noch mehr Familien gezwungen, ihre Kinder aus der Hand zu geben, obwohl sie es gar nicht wollen“, sagt Jünemann. Sie sei zwar dafür mehr Betreuungsplätze, damit Männer und Frauen frei wählen können, wie sie die Betreuung organisieren. Aber der Druck auf die Eltern, wachse, weil durch eine bessere Betreuungssituation auch mehr Arbeitgeber fordern würden, nicht aus dem Beruf auszusteigen. „Und die Politik gibt den Unternehmern die Argumente an die Hand“, sagt die Professorin.

Der Allgemeine Deutsche Väterbund macht sich ebenfalls dafür stark, die Familie wieder mehr in den Blick zu nehmen. „Eltern sind die besten Bezugspersonen für Kinder“, sagt Karsten Müller, Vorsitzender des Väterbunds. „Wir brauchen mehr Krippenplätze, damit gerade in Westdeutschland überhaupt von Wahlfreiheit gesprochen werden kann, aber es darf kein Zwang zur Arbeit entstehen“, sagt Müller weiter. Ein Betreuungsgeld wäre für ihn ein guter „Ausgleich“.

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