Politik : Jetzt sind wir auf uns gestellt

DEUTSCHE GEDENKTAGE

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Von Hermann Rudolph

In diesen NovemberTagen schlägt die Bundesrepublik den Mantel des Gedenkens fester um sich. Natürlich hat die Routine mittlerweile auch den 9.November erfasst. Doch das Profil dieses deutschen Datums mit dem Zusammenfall von Pogromnacht und Mauer-Öffnung wird dadurch nicht wirklich beeinträchtigt. Es bleibt ein unüberbietbarer Anlass für das Innewerden der Geschichte, die die Bundesrepublik hervorgebracht hat. Und die Abschiede, die das Land zu nehmen hat, tragen ihren Teil dazu bei – vor drei Tagen Rudolf Augstein, kurz zuvor Siegfried Unseld; man wird Marion Gräfin Dönhoff, im Frühjahr gestorben, dazurechnen müssen. Es ist ein Abschiednehmen, das die Bundesrepublik mit sich selbst konfrontiert.

Die Bundesrepublik mit ihrer gebrochenen Tradition hat ihr Selbstgefühl immer aus einem Netzwerk unterschiedlichster Erfahrungen und Traumata bezogen - Zusammenbruch und Wiederaufbau, Ost-West-Konflikt und kalter Krieg, die glücklich ausgegangene Staatsgründung, die Lektionen ihrer Vergangenheit, das Ende der Teilung. Das hat ihr das Stützgewebe gegeben, mit dem sie lebte. Gewiss, da waren ihre materiellen Erfolge, und das Etikett, das man ihr einmal aufgeklebt hat, war nicht falsch: Sie sei eine Wirtschaftsgesellschaft auf der Suche nach ihrer politischen Form. Aber wirklich richtig war es auch nicht. Der Blick auf die drei großen Gestalten, die dieses Jahr dahingerafft hat, führt es vor Augen.

Ohne sie wäre die Bundesrepublik nicht zu denken; sie sind in ihrer Weise Gründerfiguren – Maßstäbe setzend, Richtung gebend, Haltungen prägend. Sie waren als junge Leute an ihrem Anfang dabei, begleiteten ihren Aufstieg, wurden zu Instanzen des öffentlichen Lebens. Schließlich ragten sie in die Gegenwart hinein als fast legendär gewordene Monumente des ungeheuren Wandels der Deutschen, ihrer endlich gewonnenen Zivilität. Zwar waren sie in den Hintergrund getreten. Aber sie waren noch da, Zeugen für den Weg der Republik. Es spricht für ihren Rang, dass die Generationen, die ihnen folgten, das Gefühl hatten, auf ihren Schultern zu stehen.

Die eminente, so nicht zu erwartende Bewegung, mit der die Öffentlichkeit auf diese Toten reagiert hat, zeigt, wie die Republik sie wahrnimmt: als großen Abschied, auch von sich selbst. Mehr noch: sie spürt daran die Beschleunigung, mit der sich die Bundesrepublik von dem entfernt, was sie bis eben noch war. Den Eindruck hat schon der Wechsel im Bundestag vermittelt, bei dem die Generation abtrat, die die Bundesrepublik in die Einheit geführt hat. Vielleicht noch deutlicher zeigt es die Schwierigkeiten der neuen, der Berliner Generation, der Republik einen eigenen Ausdruck zu geben – jenseits von entspanntem Selbstbewusstsein und pragmatischer Beliebigkeit.

Der Einschnitt, den diese Reaktion signalisiert, ist groß. Die Kraft der Erfahrungen, die der Republik von ihren Anfängen her Halt gab, schwindet. Die Jahrzehnte ihrer Nachkriegsexistenz werden zur Geschichte, nicht anders als Pogromnacht und Mauer-Fall. Zwar bleiben die Maßstäbe gültig, die die Bundesrepublik erworben hat. Aber zunehmend wird sie ihnen aus sich selbst heraus gerecht werden müssen. Ein Hauch von Geschichtsmächtigkeit ist spürbar in diesem Herbst. Im Winde klirren die Fahnen.

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