Politik : „Jetzt spinnt er“

Was Möllemann in seinem Buch „Klartext“ behauptet, erzürnt nicht nur FDP-Chef Westerwelle

Jürgen Zurheide,R. von Rimscha

Von Jürgen Zurheide

und R. von Rimscha

Die Türen blieben an diesem Vormittag geschlossen. Obwohl nicht wenige der liberalen Abgeordneten wie an jedem Dienstag vor der Fraktionssitzung zunächst in die eigenen Büros im sechsten Stock des Düsseldorfer Landtages gehuscht sind, stand ihnen der Sinn offenbar nicht mehr nach einem Rest an Gemeinsamkeit. Denn am Ende des Flures wohnt seit einiger Zeit Jürgen W. Möllemann, der frühere Vorsitzende, dem nicht wenige hier oben ihre Karriere verdanken. Und dennoch hatte sich die Stimmung am Wochenende völlig gegen ihn gewendet. Selbst jene, die ihn kürzlich vor dem Rausschmiss aus der Fraktion bewahrten, plädierten mit einem Mal für eine schnelle Trennung. „Das ist zu viel jetzt", stöhnte etwa Joachim Schulz Tornau, der als einer der letzten Getreuen zu Möllemann gehalten hatte.

Als dann auch noch erste Meldungen über die neueste Verschwörungstheorie des Jürgen W. Möllemann über die Ticker liefen, wurde aus dem betrübten Stöhnen ein fassungsloses Kopfschütteln. „Jetzt spinnt er", wurden die Nachrichten über den Mossad-Einsatz gegen die weitere Karriere des Fallschirmspringers kommentiert. Möllemann beschreibt in seinem Buch „Klartext“ die Szene, in der Guido Westerwelle – der dort immer nur Dr. Guido Westerwelle genannt wird – bei seinem Besuch in Israel eine überraschende Begegnung hatte. Während Dr. Westerwelle also im Vorzimmer von Ministerpräsident Ariel Scharon wartet, tritt ein „Mann ohne Namen“ ein und verkündet dem überraschten liberalen Parteichef „in unmissverständlichen Worten knallhart", dass der umtriebige Möllemann nicht Außenminister der Bundesrepublik Deutschland werden dürfe. Wenig später fabuliert Möllemann etwas davon, dass Herr Dr. Westerwelle der Erpressung anfangs zu widerstehen versucht hat; doch möglicherweise haben die Geheimagenten Israels später ihren Druck auf Westerwelle verstärkt, vermutet Möllemann.

Westerwelle sagte am Dienstag, die Erpressungsgeschichte entbehre jeder Grundlage. Statt „Klartext“ solle Möllemanns Buch eher „Durchgeknallt“ heißen. Bereits am Vortag hatte der Parteichef über das Buch seines ehemaligen Stellvertreters gesagt: „Ich beschäftige mich normalerweise mit Büchern, die einen bildenden Charakter besitzen, schöngeistig sind oder einen Informationsgehalt haben. Deshalb werde ich dieses Buch nicht lesen.“ In der FDP-Spitze war seit Monaten erwartet worden, dass Möllemann Aufsehen erregende Behauptungen, vermeintliche Skandalgeschichten oder schmutzige Wäsche präsentieren würde.

Den Düsseldorfer Abgeordneten ist das alles zu viel. „Das Tischtuch ist zerschnitten", verkündet Fraktionschef Ingo Wolf nach einer Abstimmung, in der alle 21 anwesenden Liberalen für ein neues Ausschlussverfahren votiert haben. Drei Abgeordnete waren bei der Sitzung nicht dabei, darunter Möllemann selbst. Auch Wolf wollte nun einen neuen Anlauf für ein weiteres Ausschlussverfahren gegen seinen Vorgänger.

Währenddessen sitzt Möllemann zu Hause in Münster und berät mit seiner Frau über die Zukunft. „Ich möchte Mitglied der liberalen Familie bleiben, wenn man mich nicht zwingt, etwas anderes zu tun", lautet einer seiner Standardsätze. Doch an der Stimme spürt man: In dieser Lage bleibt einem Jürgen W. Möllemann nur eines – die FDP freiwillig zu verlassen. So meldete denn auch die „Leipziger Volkszeitung“, Möllemann werde seine geplante neue Bürgerbewegung im Mai gründen.

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