Politik : „Jetzt wird es wirklich ernst“

Bischof Wolfgang Huber über moderne Familienpolitik und die neue Vaterrolle

-

Bischof Huber, die Evangelische Kirche in Deutschland ist Mitglied der Allianz für Familie. Ist in die deutsche Familienpolitik endlich Bewegung gekommen?

Wir sind politisch noch nicht so weit, wie wir sein müssten. Aber in den vergangenen Jahren hat die Familienpolitik wichtige und neue Ansätze unternommen. Ministerin von der Leyen und ihre Vorgängerinnen haben sich große Verdienste erworben. Aber so lange ein Vater, der Elternzeit nehmen will, von seinem Vorgesetzten hört, „Das werden Sie noch bereuen“, läuft etwas schief. Auch die vernünftigste Familienpolitik muss scheitern, wenn etwa die Personalverantwortlichen in Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen auf die Bedürfnisse von Eltern und Familien keine Rücksicht nehmen. Da gibt es noch viel Nachholbedarf.

Halten Sie es für einen Durchbruch, dass auch eine Partei wie die Union nun das Elterngeld befürwortet und umsetzt?

Die Entscheidung für das Elterngeld ist ein wichtiger Schritt. Deshalb ist es erfreulich, dass er breiten politischen Rückhalt findet. Endlich wird auch die Verantwortung von Männern und Vätern für Kinder ausdrücklich thematisiert, auch wenn die zwei „Vätermonate“ zum Teil symbolischen Charakter haben.

Was halten Sie von der Idee des Finanzministers Peer Steinbrück, das Kindergeld zu kürzen, um so den Ausbau der Kinderbetreuung zu finanzieren?

Ich halte den Begriff „Betreuung“ für problematisch. Ich spreche lieber von Bildungs- oder Erziehungsangeboten für kleine Kinder, die zeitlich abgestimmt sind auf die Lage berufstätiger Eltern. Ich halte es für sehr vernünftig, das Gesamtvolumen staatlicher Ausgaben für Familien- und Jugendpolitik daraufhin zu überprüfen, wie sie wirksamer, gerechter und weitsichtiger eingesetzt werden können. Dabei muss aber auch der Familien-Leistungsausgleich gestärkt werden.

Die Familienministerin hat die beiden großen Kirchen zum Bündnis für Erziehung eingeladen. Warum ist das eine so exklusive Veranstaltung?

Es geht hier nicht in erster Linie um ein Bündnis mit Glaubensrichtungen, sondern um ein Bündnis mit Organisationen, die in großem Umfang Erziehungsverantwortung wahrnehmen. Die beiden großen Kirchen tragen etwa die Hälfte aller Kindertageseinrichtungen. Die Aufregung darum, wer eingeladen war, lenkt nur ab. Zudem bereitet die Bundeskanzlerin gerade einen Gipfel mit islamischen Organisationen vor. Sich jetzt aufzuregen, dass die Familienministerin bestimmte Partner nicht einlädt, ist unfair.

Sehen Sie in diesem Bündnis auch eine Chance für die Kirche?

Es ist eine Chance für die Gesellschaft. Wir wollen, dass unsere religiösen Überzeugungen auch in andere Bereiche ausstrahlen – bei voller Wahrung der Religionsfreiheit, bei vollem Respekt gegenüber der Präsenz auch anderer Religionen in unserem Land, bei vollem Respekt gegenüber jenen, die religiös nicht gebunden sind. Wir leben jetzt in einer Phase, in der die Grundeinstellungen, die wir dem christlichen Glauben verdanken, dringender gebraucht werden, als dies in der Vergangenheit bewusst war.

Das Bündnis für Erziehung mit den Kirchen wurde 2005 von der damaligen Ministerin Renate Schmidt (SPD) ins Leben gerufen. Warum erst jetzt die Aufregung?

Es könnte sein, dass die Menschen merken, jetzt wird es wirklich ernst. Erziehung ist wichtig, anstrengend und beschwerlich. Und es sollen alle daran beteiligt werden. Vor dieser Erkenntnis ist man zunächst zurückgeschreckt und hat mit wegen der Nichteinladung anderer Religionsgemeinschaften eine Stellvertreterdebatte geführt. Ich hoffe, dass nun die eigentliche Debatte beginnt.

Das Gespräch führte Hans Monath.

Wolfgang Huber wurde 1942 in Straßburg geboren und ist seit 1994 Bischof

der Evangelischen

Landeskirche

Berlin-Brandenburg.

Bis zum Amtsantritt war er SPD-Mitglied.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben