#jetztschreibenwir : Symbol der Freiheit

Aleppo gehörte zu den bedeutendsten Metropolen in Syrien – heute tobt dort ein gnadenloser Krieg. Wie könnte es weitergehen? Szenarien für die Stadt, in der Menschen zu Tausenden leiden.

Adnan al Mekdad
Adnan Al Mekdad.
Adnan Al Mekdad.Foto: Mike Wolff

Aleppo war einst so etwas wie die Hauptstadt des freien Nordens und über die Türkei die Verbindung zur Außenwelt. Geblieben ist die besondere Bedeutung der syrischen Stadt aufgrund ihrer geostrategischen Lage. Sie liegt in einer Region, um die sich viele Parteien streiten, und zwar nicht nur – wie vielfach angenommen – die Opposition und das Regime von Baschar al Assad.

Abgesehen von den schiitischen Kämpfern, die der Iran zu Tausenden nach Aleppo und die angrenzenden Gebiete zur Eroberung der Stadt entsandt hat, kämpfen dort die Soldaten des Diktators Assad, die Einheiten der Freien Syrischen Armee, verschiedene islamistische Milizen, die zur kurdischen PKK gehörige YPG, die mit den Kurden verbündeten Streitkräfte des Schammar-Stammes sowie weitere kleinere Milizen, die unter dem Namen Demokratische Kräfte Syriens kämpfen.

Zwei Szenarien sind denkbar

Eine Eroberung Aleppos durch eine dieser Parteien würde nicht unbedingt bedeuten, dass der seit fünfeinhalb Jahren tobende Krieg in Syrien vorbei wäre. Ebenso wenig würde es heißen, dass eine der verfeindeten Parteien den Krieg gewonnen hätte. Eine Eroberung würde lediglich zur Folge haben, dass das einst strahlende Aleppo komplett von einer der Kriegsparteien beherrscht würde, während eine andere ihren Einfluss verlöre. So würde beispielsweise die gemäßigte Opposition mit dem Verlust der Stadt ihre Versorgungsrouten und einen strategischen Vorteil verlieren, also im Kampf gegen das Assad-Regime und die übrigen Parteien geschwächt werden.

Wie könnte es in Aleppo weitergehen? Zwei Szenarien sind denkbar: Das erste Szenario geht davon aus, dass die Zivilisten so lange dem Martyrium der Bombenangriffe des Regimes ausgesetzt sind, bis sie dem Verbleib der Assad-Truppen zustimmen. Das würde auch eine starke Rechtfertigung dafür liefern, dass die Opposition mit dem Machthaber kooperiert und unter der Führung Baschar al Assads eine „Regierung der nationalen Einheit“ gegründet wird.

Vollständige Rückeroberung?

Sollte das erste Szenario nicht eintreten, so würde es durch die Bombardements wohl dazu kommen, dass die bewaffneten Rebellen geschwächt werden und die Bevölkerung des „befreiten“ Teils von Aleppo zur Flucht gezwungen wird. Das wiederum würde die vollständige Rückeroberung der Stadt durch Assads Einheiten erleichtern. Doch selbst eine Kapitulation oder ein Waffenstillstand, der dazu führt, dass die Rebellen Aleppo verlassen oder dort eingeschlossen werden, wären für Assad und seine Verbündeten wohl akzeptabel.

Die Vorbereitung auf die Schlacht um Aleppo begann am Morgen des 11. April dieses Jahres. Elf Tage später, am 22. April, erfolgte der große Angriff, der die spätere Bodenoffensive einleitete, die auf die komplette Rückeroberung der Stadt durch die syrischen Streitkräfte abzielt. Damit wurde schon ein Teil des Szenarios umgesetzt, auf das sich Assad und seine Verbündeten seit Monaten vorbereiten. So hat der Iran seine Kommandoeinheiten bereits damals zusammengezogen und erklärt, dass man eigens für den Kampf um Aleppo 40 000 Soldaten rekrutiert habe. Russland und das Regime in Damaskus wiederum haben Artilleriegeschütze und Raketenwerfer in der ganzen Stadt in Stellung gebracht.

Diese Kooperation bei der Bodenoffensive im Norden und Süden Aleppos, die von russischer Seite mit oft verheerenden Luftangriffen unterstützt wird, soll dazu dienen, bis zum Flüchtlingslager Handarat im Norden der einstigen Millionen-Metropole vorzudringen und die Aufständischen von der wichtigen Castillo Road abzuschneiden. Die Straße ist die zentrale Versorgungsroute und der einzige Korridor für humanitäre Hilfe, der den von Rebellen kontrollierten Ostteil mit den umliegenden westlichen und nördlichen Gebieten verbindet.

Zweitwichtigste Stadt nach Damaskus

Die Rückeroberung Aleppos durch Baschar Assad und seine Verbündeten wäre ein bedeutender Sieg für den syrischen Herrscher in Damaskus , der ihm eine starke Verhandlungsposition sichern würde, zumal Aleppo die zweitwichtigste Stadt des Landes nach der Hauptstadt Damaskus ist. Darüber hinaus würde somit die Präsenz der bewaffneten Opposition in den verbliebenen Enklaven – die wichtigste ist Idlib – verringert. Aleppo spielt ohnehin eine wichtige Rolle für die Rückeroberung auch der übrigen, von Aufständischen beherrschten Gebiete im Land.

Und: Jene Länder, die die bewaffnete Opposition unterstützen, zum Beispiel die Türkei oder Saudi-Arabien, würden unter Druck geraten. Der Krieg in Syrien würde sich an die türkische Grenze verlagern. Die Türkei selbst geriete damit in Bedrängnis, weil die Kämpfe für unabhängige kurdische Gebiete mit neuer Intensität geführt würden. Die PKK erhielte wieder mehr militärische Bedeutung, und die Kurden würden vermutlich einen Ermüdungskampf gegen die türkische Armee starten. Von den Luftangriffen Russlands und des Assad-Regimes, bei denen weltweit geächtete Waffen wie Fass- und Brandbomben eingesetzt wurden, ist kein Viertel in Aleppo verschont geblieben. So wurde dokumentiert, dass 27 Bezirke auf diese verbotene Weise angegriffen wurden – unter anderem Al Halawaniya, Al Salehin, Al Myassar, Bustan Al Qasr, Bustan Al Basha, Al Klasa und Al Mashhad.

Die Schwäche der islamischen Welt

Und dann ist da noch der Iran. Teheran hat seine Streitkräfte nach Syrien geschickt und somit dazu beigetragen, dass dem Volk viel Leid zugefügt wurde. Das Gleiche gilt für Russland. Hätten beide Mächte das auch getan, wenn sie sich der Schwäche der arabischen und islamischen Welt und der Unfähigkeit Syriens, gegen sie zu kämpfen, nicht sicher gewesen wären?

Das vom jahrelangen Bürgerkrieg geschundene Syrien braucht heute einen mutigen Mann, der sich vor nichts außer Gott fürchtet. Und dafür Sorge trägt, dass sich das Land nicht mehr von auswärtigen Mächten abhängig macht, sondern auf sich selbst verlässt.

Aus dem Arabischen übersetzt von Melanie Rebasso. Dieser Text ist Teil unserer Sonderausgabe #jetztschreibenwir mit Berichten und Geschichten von geflüchteten Journalisten, die am Sonnabend, dem 15. Oktober 2016 erschien ist.

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