#jetztschreibenwir : Urlaub und Krieg in Syrien

Das Meer ist tiefblau, die Sonne scheint - und es ist Krieg. Das Assad-Regime umwirbt Touristen mit PR-Videos. Eine Reiseagentur bietet Spaziergänge durch Trümmer an.

Adnan al Mekdad
Der syrische Tourismusminister Bishr Riad Yaziji (links) hat am Donnerstag in Damaskus den Welt-Tourismustag gefeiert.
Der syrische Tourismusminister Bishr Riad Yaziji (links) hat am Donnerstag in Damaskus den Welt-Tourismustag gefeiert.Foto: Youssef Badawi/dpa

Menschen liegen an Sandstränden entspannt in der Sonne und suchen dann Abkühlung im tiefblauen Meer. Surfer gleiten in rasendem Tempo über Wellen. Im Hintergrund sieht man luxuriöse Ferienvillen. All das sind Szenen aus einem Werbevideo, wie man sie aus vielen Ländern kennt. Es könnte sich um eine Tourismuswerbung wie jede andere handeln - wäre da nicht jener Slogan am Schluss, der einen stutzen lässt: „Syria – always beautiful“. Urlaubsidylle mitten im Krieg?

Wer die Homepage des syrischen Tourismusministeriums besucht, kann sich das dort abrufbare Werbevideo anschauen und wird darin nicht die kleinste Spur von dem in Syrien seit mehr als fünf Jahren tobenden Krieg finden.

Für mögliche Touristen hat die russische Reiseagentur Megapolis ein besonderes Angebot parat, nämlich eine sogenannte „Assad Tour“. Zwischen den Trümmern von Homs und Aleppo herumspazieren, dem Krieg ganz nahe kommen – diesen Albtraum kann sich der Tourist nun erfüllen. Vier bis fünf Tage inklusive Unterkunft und Flug gibt es schon für 1.500 US-Dollar. Gegen ein zusätzliches Entgelt kann man sogar bei syrischen Familien unterkommen.

Seit Beginn des Aufstands in Syrien arbeitet das Assad-Regime mit PR-Agenturen und Touristikunternehmen zusammen. Zu den Aufgaben dieser Unternehmen gehört es, Interviews mit dem Ehepaar Assad zu führen und Propaganda- und Marketingkampagnen zu starten. Die Botschaft des Regimes ist klar: Wer uns unterstützt und unter unseren Fittichen bleibt, dessen Alltagsleben wird wie gewohnt weitergehen. Wer sich gegen uns auflehnt, dem droht der Tod, dessen Haus wird zerstört, der wird zum Verlassen des Landes gezwungen werden.

In Syriens selbst ernanntem „Urlaubsparadies“ Tartus sollen sich derweil die Beschwerden von Stammgästen häufen: schlechter Service, mangelnde Sauberkeit, unrealistisch hohe Preise, Chaos bei der Buchung. Probleme, von denen man im zuständigen Ministerium nichts wissen will. Offiziell wird die Tourismuskampagne tapfer verteidigt und als wertvoller Beitrag zur Ankurbelung der syrischen Wirtschaft präsentiert.

Auch auf Youtube wird jenes PR-Video eifrig kommentiert. Die einen veranlasst es zu heftiger Kritik an der Blutrünstigkeit und Schizophrenie des Regimes, andere gehen parodistisch an die Sache heran: „Machen Sie Urlaub in Syrien! Hier finden Sie alles, was Ihr Herz begehrt: First-Class-Hotels, leckeres Essen, Bombenstimmung… Lassen Sie sich entführen!“ Und einige sind sich ganz sicher: Das ist das „Video des Jahres“.

Aus dem Arabischen übersetzt von Rafael Sanchez.

Adnan al Mekdad ist Journalist aus Syrien. Der 51-Jährige war dort 30 Jahre TV-Journalist und arbeitete für die Zeitung ath-Thawra. Er ist mit vier Kindern im August 2014 nach Deutschland gekommen. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ besorgte Visum und Flug nach Deutschland. Sein Text erscheint im Rahmen der Tagesspiegel-Ausgabe vom 15. Oktober 2015, die von geflüchteten Journalisten gestaltet worden ist.  

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