Joachim Gauck : Der Freiheitslehrer

Joachim Gauck, der Bundespräsident werden möchte, ist von Haus aus Pastor, auch ein Beruf mit Herdenverantwortung. Aber er ist ein seltsamer Hüter. Er bewacht die Herde nicht, er predigt ihren Mitgliedern: Sei kein Schaf!

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Vor der Krönung. Gauck beim Landtagsbesuch in Bayern unter dem Gemälde „Kaiserkrönung Karls des Großen“, gemalt 1861 von Friedrich Kaulbach.
Vor der Krönung. Gauck beim Landtagsbesuch in Bayern unter dem Gemälde „Kaiserkrönung Karls des Großen“, gemalt 1861 von Friedrich...Foto: ddp

Gauck fährt Zug. Eben hat er die Rede gehalten, die er nachher im niedersächsischen Landtag – Hausherr Wulff flieht nur Minuten früher gen Nordsee – „meine Berliner Rede“ nennen wird. Und die Niedersachsen werden sich stumm anschauen wie vordem schon die Berliner: Klingt das nicht irgendwie – präsidial?

Der Kandidat für das höchste Amt im Staate hat jetzt Pause. Wenn dieses Wort denn zur Beschreibung einer Situation taugt, da einer versucht – irgendwo zwischen Berlin und Hannover – einen Tee zu trinken und für Augenblicke die Journalisten und Referenten zu vergessen, die ihm bis ins Bordrestaurant gefolgt sind. Der ICE rast durch den längsten Tag des Jahres. Sommer! Draußen wie drinnen, in ihm selbst. Er macht keinen Hehl daraus. Dabei hat er nach Alte-Leute-Art schon seine Memoiren geschrieben. Das Buch heißt „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“. Joachim Gauck müsste da jetzt unbedingt etwas ergänzen.

„Wissen Sie, ich hebe nicht ab, nicht mehr“, sagt der Pfarrer aus Rostock, halb zu sich selbst. „Es gab eine Zeit, da hab’ ich mir gewünscht, gefragt zu werden.“ Ja, er könnte das härter formulieren: Damals, vor zehn Jahren, als er aus der Behörde ausschied, die seinen Namen trug, hat er gewartet. Auf eine neue Aufgabe, die ihn noch einmal ganz fordern würde. Aber niemand kam. Zwar hatte er seinen Verein „Gegen Vergessen. Für Demokratie“. Doch war ihm die Enttäuschung anzumerken.

„We go for Gauck!“ „Yes, we Gauck!“ Und das jetzt, wo er längst aufgehört hatte zu warten. Er muss jedes Mal lächeln, wenn er an diese Schlagzeilen denkt. Was ihn da trägt, kommt nicht aus den Parteien. Hat nichts zu tun mit Taktik (Merkel) und Gegentaktik (Gabriel). Nein, was ihn jetzt trägt, ist, nach 20 Jahren wieder: das Volk. Vor allem das Westvolk, aber das ist ja auch größer. Das macht ihn glücklich. Der Mann mit den Schraubstocklippen, der alle Härte und Unnachgiebigkeit der Welt in sein Gesicht legen kann, der wirken kann wie der legitime Nachfahre sämtlicher Großinquisitoren, ist zu großen Gelöstheiten fähig.

Noch 40 Minuten bis Hannover.

Die Journalisten, die um Gaucks ICE-Tee herumsitzen, haben viele Fragen. Der Abgesandte einer polnischen Zeitung will wissen, wie er Gaucks Engagement „gegen Vertreibung“ zu bewerten habe. Gauck sagt, dass in einem erwachsen gewordenen Land solches Engagement möglich sein müsse. Und dann, abwartend: „Ich bin ein linker liberaler Konservativer! Sie wissen, von wem ich das habe?“ – „Von Leszek Kolakowski!“ Gauck nickt. Jawohl, von diesem polnischen katholischen Philosophen.

Gaucks Nachwort zur deutschen Ausgabe des umstrittenen „Schwarzbuchs des Kommunismus“, das den Begriff des „Roten Holocausts“ prägte, hat aus aktuellem Anlass neue Exegeten gefunden. Die Schriftstellerin Daniela Dahn nahm ihm seinen Kommentar zur Oder-Neiße- Grenze übel: mit deren Anerkennung hätten die DDR-Kommunisten sich unbeliebt gemacht. Er fühlt sich missverstanden. Macht ein Minus-30-Grad-Gesicht. Mit Gauck, dem Historiker, könnte man ewig streiten.

Noch 27 Minuten bis Hannover.

Gauck sieht die Dinge gern prinzipiell. Das hat er mit seinen Hauptfeinden, den Kommunisten, gemein. Deshalb mutete er oft wie deren spiegelverkehrte Ausgabe an. Man könnte jetzt sagen: Kein Wunder bei einem Jungen, dem die Mutter eine Ohrfeige gab, weil er mit einem „Abzeichen für gutes Wissen“ am Hemd aus der Schule kam. Ein Abzeichen von den Kommunisten! Und als die Schwester von einer Schulweihnachtsfeier mit Geschenken zurückkehrte, zertrat eine Tante die mit den Füßen: „Du nimmst Geschenke von den Pionieren an – und deinen Vater haben sie abgeholt!“

Ja, haben sie. Am 27. Juni 1951 war Joachim Gauck der Ältere, der Kapitän, verschwunden. Über Jahre erfuhr niemand, wo er war, ob er lebte. Joachim Gauck der Jüngere wurde Vertrauter der Mutter, frühreif, vorlaut, so dass selbst sein Geschichtslehrer, den er sehr mochte, ihm einmal hinter die Ohren – also auf einen Zettel – schrieb: Si tacuisses, philosophus mansisses! Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben! Das wird er nie schaffen. Und nie wollen.

Aber das NDR-Fernsehen will jetzt endlich die Aufnahmen machen. Ob es gut getan hätte, gefragt zu werden?, möchte es wissen. Jetzt steht höchstens noch ein Ein-Zehntel-Restlächeln in Gaucks Gesicht, beherrschend ist ein großer Ernst: „Den meisten Menschen tut es gut, gefragt zu werden.“ Er weiß es also. Warum nur von sich selbst, nicht von anderen?

Herz und Verstand der Menschen standen weit offen nach dem Herbst 1989, nach ihrer Selbstermächtigung zum Souverän. Warum hat Gauck nie überlegt, wie es hätte werden können, wenn nicht so viele nicht mehr gefragt worden wären?

Stattdessen erklärte Gauck in unzähligen Talkshows dasselbe Volk, das eben noch auf der Straße stand, zu einem „Volk von Mitläufern“, beherrscht von einem über 50-jährigen „Angst-Anpassungssyndrom“, die erste Diktatur gleich mitgezählt. Nichts dazwischen. Und jetzt, zum polnischen Journalisten: Die Bundesrepublik habe bis 1985 gebraucht, bis der Vorletzte begriffen habe, dass 1945 keine Niederlage, sondern eine Befreiung gewesen war. Was wolle man da von den Ostlern mit ihrer viel längeren Diktaturkrümmung erwarten? Der Pole nickt einsichtsvoll.

Genau vor einem Monat ist Joachim Gauck schon einmal nach Hannover gefahren. Unterwegs rief eine Freundin an: Der Bundespräsident sei zurückgetreten. Und Gauck fragte nur: Geht denn das?

Noch zehn Minuten bis Hannover.

Ein Reisender im weißen Hemd steht auf und tritt auf den Kandidaten zu: „Ich bin ein ganz normaler Bürger, Jenssen ist mein Name. Wenn ich könnte, würde ich Sie wählen.“

Vor Hannovers klassizistischem Landtag hält ein Fahrrad, darauf ein älterer Mann mit frisch gewaschenem langem grauem Haar, am Lenker links und rechts zwei Plastikeimer. Da sind Sauerkraut und Bananen drin. Das ist der niedersächsische Aussteiger Manfred Faulhaber. Er beginnt sein langes graues Haar zu kämmen und unverwandt auf die Landtagstreppe zu schauen. Er ist extra Gaucks wegen gekommen. Faulhaber, der als oberschlesisches Flüchtlingskind, acht Jahre alt, unter Hunderten Toten gelegen hatte, sagt: „Ich find’ den gut! Der ist auf die Barrikaden gegangen.“ Es klingt wie: Würde Wulff nie tun. Auch Faulhaber würde Gauck wohl gefallen: einer, der ganz für sich steht, nicht gerade in der Mitte der Gesellschaft, aber ein freier Mensch. Gaucks Vater, zurück aus Sibirien, „ging in der DDR einen eigenen Weg, nicht den eines Widerständlers, aber den eines Menschen mit Abstand zum System“.

Im Landtag überblickt Gauck jetzt prüfend die roten und grünen Gesichter, stellt fest, dass es wohl Andersfarbige gebe, „die meinen, heute nicht anwesend sein zu dürfen“. Dabei habe man sich doch vor Monatsfrist noch so gut unterhalten. Gaucks Stimme wird nun ganz weich. Wenn er so klingt, weiß man, was kommt: der Westen. Wenn Gauck über den Westen spricht, wird er zum Dichter, und das ist nicht seine stärkste Rolle: „Der Westen war wie eine Frau, die man als 17-Jähriger auf den Sockel hebt und anbetet.“ So steht es im Buch, aber nun, ganz frei, spricht er von einem „Vollweib“. Und wo im Buch noch von Runzeln die Rede ist, die man nicht sehen wolle, werden in der Euphorie der Rede „Gebrauchsspuren“ daraus. Ein paar Wahlfrauen und Abgeordnete schauen sich an, ob sie da nicht gerade eine latent frauenfeindliche Aussage gehört haben. Allein: Dieser Mann hat sich nie nach etwas anderem gesehnt als nach dem Westen. Und als 1990 seine Mitbürgerrechtler sehr traurig wurden, weil ihr Ostvolk ein Westvolk werden wollte, und zwar sofort, war Gauck einer der wenigen, die gerufen haben: Ich auch!

„Und darum“, endet er nach mehr als einer Stunde, „fühle ich mich mit Freiheit und Recht noch tiefer verbunden als jemand, der mit ihnen aufwuchs. Sie dürfen mir vertrauen.“ Langer Beifall. Das war nicht schlecht, doch nicht so gelöst wie eine Woche zuvor in Leipzig, wo er als „Joachim Jauch, ähh, Gauck“ begrüßt wurde. Der Mann kann charmant sein, wenn dies nicht zuletzt die Fähigkeit meint, schwere Dinge leicht zu sagen. Und plötzlich wusste er von einer „emanzipatorischen“ Seite der Linken und sagte „wir“, wenn er über die DDR-Vergangenheit sprach.

Jetzt lauten die Fragen anders: „Was schätzen Sie an Herrn Wulff besonders?“ – „Seriosität, Geduld, Ruhe.“ – „Nichts Negatives?“ – „Wenn mir etwas einfallen würde, würde ich es Ihnen nicht sagen.“

Er hat Neun-Tage-Wochen, aber er spürt den Stress nicht. Joachim Gauck weiß, dass sich da an ihm etwas entzündet hat, was über ihn hinausweist. Und das bleibe, egal wie es ausgeht.

Rückfahrt nach Berlin. Draußen eine niedersächsische Schafherde in der Abendsonne, nur ein Schaf steht allein und weit weg von der Herde. Das würde er mögen. Gauck ist Pastor, also ein Herdenverantwortlicher, aber ein merkwürdiger. Denn er hat eine Herdenphobie. Er hütet die Herde nicht, er predigt ihren Mitgliedern die Freiheit: Sei kein Schaf! Er ist gegen den „Fürsorgestaat“, weil er ihm die Schafsnatur zu befördern scheint. Das hat ihm den Vorwurf der sozialen Kälte eingetragen. Und Afghanistan? Das hatte er in Leipzig so erklärt: Sein Vater, Großvater und Urgroßvater hätten in den Heeren deutscher Eroberer gestanden. Eine solche Art Heer könne er nicht erkennen. Nichts sei gut in Afghanistan? Das nicht. Zu vieles ist ungut in Afghanistan, das ja.

Die einen sagen, er klingt wie Köhler. Die anderen sagen, er klingt wie Schröder. Wer ihm schon länger zugehört hat, findet: Der Mann klingt wie Gauck. Und natürlich ist der Freiheitswanderprediger Gauck für die freie Wirtschaft, sie brauche nur ein paar Foul-Regeln mehr.

Für den 28. Juni hat er eine Einladung von Gregor Gysi bekommen. Wer eingeladen werde, sollte hingehen, sagt der Kandidat. Aber als was? Am besten, ich komme als Joachim Gauck, glaubt Gauck. Er könnte gar nicht anders.

Er ist aus dem Osten, aber steht für den Traum des Westens, ganz ohne Beimischung. Und der Osten? Die größte bunte Ostpostille ernannte ihn umgehend zu „Unserem Präsident der Herzen“. Ist er das? Die DDR hat Gaucks Kindern jede Entwicklungsmöglichkeit verwehrt, so dass ihnen nichts übrig blieb als die Ausreise. Wer dürfte ihm mangelnde Anteilnahme am Gestern vorwerfen? Wer in der DDR gelebt und sie begriffen hat, dem kann Gaucks Ekel nicht fremd sein.

Si tacuisses, philosophus mansisses. Vielleicht wird aus Joachim Gauck kein großer Philosoph mehr, ein großer Dichter wohl auch nicht. Vielleicht ein Bundespräsident. Mit Wulff hat er verabredet, dass beide sich treffen, wenn alles vorbei ist. Also spätestens am 2. Juli beim Sommerfest des Bundespräsidenten.

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