Joachim Gauck : Er ist so frei

20.02.2012 00:00 Uhrvon
Generalprobe war schon. Foto: ddp
Generalprobe war schon. - Foto: ddp

Er habe in seinem Leben Dinge erlebt, die als unwahrscheinlich galten, sagte Joachim Gauck bei seiner ersten Bewerbung. Was seitdem geschah, gehört dazu.

Vielleicht schließt sich am 18. März 2012 ja ein Kreis, den man etwas pathetisch einen Lebenskreis nennen könnte. Den Kreis des Joachim Gauck. 72 Jahre ist er gerade alt geworden, evangelischer Pastor war er in der DDR, Mitkämpfer in der Bürgerrechtsbewegung Neues Forum Ende der 80er. Nach dem Fall der Mauer wurde er Chef der Stasi-Unterlagenbehörde, später, im Frühjahr 2010, Kandidat der Sozialdemokraten und Grünen bei der Wahl zum Amt des Bundespräsidenten – und scheiterte.

Er habe in seinem Leben Dinge erlebt, die als unwahrscheinlich galten, sagte Gauck bei seiner ersten Bewerbung. Nun wird er nochmal Kandidat.

Etwas verstört hat er denn auch zunächst an diesem Wochenende bei einer Lesereise in Wien auf die Frage geantwortet, ob er denn damit rechne, der Nachfolger von Christian Wulff zu werden. Und „Gott und die Mehrheiten“ herangezogen. Beide, sagte der grauhaarige Mann, würden es schon fügen. Und so sieht es aus.

Denn diesmal ist er der Mann, den alle politischen Kräfte, außer der Linkspartei, die nicht gefragt wurde, gemeinsam zum Staatsoberhaupt wählen wollen.

Freiheit, das ist Gaucks Thema, das ist die Geschichte, für die nicht nur die Biografie des Joachim Gauck exemplarisch steht und die ihn jetzt für eine große Mehrheit im politischen Spektrum wählbar macht, vom konservativen „Berliner Kreis“ der CDU bis weit ins sozialdemokratische Lager hinein. Freiheit, das ist auch sein Appell an die Gesellschaft. Ausführlich hat er den Wert derselben in seinem ersten Buch beschrieben. Und so schlicht steht es auch auf dem Cover des zweiten, das ausgerechnet an diesem Montag in die Buchläden kommt: „Freiheit. Ein Plädoyer“.

Es ist ein warmer Sommertag vor zwei Jahren, Horst Köhler hatte sich kurz vorher aus dem Schloss Bellevue verabschiedet, und die Wahl seines Nachfolgers steht unmittelbar bevor. Es ist der Tag, an dem Gauck eine berührende Rede auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin hält. Unten im Publikum beileibe nicht nur seine Anhänger, nein, auch Unionspolitiker, Liberale sind zu sehen. Später, nach der Wahl von Christian Wulff zum Präsidenten, werden manche von ihnen den Mann loben, den sie nicht gewählt haben. An diesem Vormittag hält Joachim Gauck eine lange Rede über die Freiheit, so mahnend, wie er das oft tut, und ohne das Wort Freiheit ein einziges Mal zu benutzen. Er erzählt, wie es ihm ergangen ist am 18. März 1990, als in der damaligen DDR die Bürger aufgerufen waren, zum ersten Mal in freier Wahl ihre Volkskammer, ihre Volksvertretung, zu wählen. Damals, erinnert sich Gauck, habe er endlich das tun können, „was für Bürger im Westen seit Großvaters Zeiten ganz selbstverständlich war“. 50 Jahre habe er alt werden müssen, um das zu erleben, sagt Gauck: „Und ich blicke zurück und sehe mich aus dem Wahllokal kommen – mit Glückstränen im Gesicht. Und ich sage zu dem Menschen neben mir: ,Ich habe gewählt. Und will nie, nie und nimmer auch nur eine Wahl versäumen.’“

Viele solcher Reden hat Gauck seitdem gehalten. Über die Freiheit, über die Demokratie. Skeptisch hat er die Bürgerproteste am Stuttgarter Bahnhof beobachtet, scharf den Gang der politischen Tagesgeschäfte in Berlin kritisiert. Bis hin zum offenen Dissens mit denen, die Gauck 2010 zum „Kandidaten der Herzen“, zum „Bürgerpräsident“ gekürt haben. Mutig nannte Gauck etwa die Schriften von Thilo Sarrazin, heftig ging er die Kapitalismuskritiker von Occupy an. Mancher in der SPD-Zentrale hat heimlich drei Kreuze geschlagen, als er im Sommer 2010 nicht Präsident geworden ist.

Nun wird er es doch. Ein „reisender Politik-Lehrer“ werde er im Amt des Bundespräsidenten sein, hat Gauck am Sonntagabend angekündigt. Worauf die neben ihm sitzenden Politikgrößen, von der Kanzlerin über den CSU-Vorsitzenden bis zum Grünen-Chef, allesamt betreten auf ihre Schuhspitzen gesehen haben. Dieser Bundespräsident, das ahnen sie bereits, wird kein einfacher sein.

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