Politik : Joachim Gauck geht: Wahrheit schmerzt - und reinigt (Leitartikel)

Lorenz Maroldt

Das ist einmalig: Eine Behörde, die Staatsgeheimnisse unters Volks bringt; die Gerüchte und Lügen verbreitet, die mit Sprengstoff hantiert; die Karrieren und Familien zerstört, die Menschen zum Weinen bringt und zur Verzweiflung. Und die am Ende doch dem Land zu innerem Frieden verhilft.

Es ist kein Zufall, dass dieses kathartische Experiment von einem Pfarrer geleitet wurde. Und weil sein Amt offiziell einen so sperrigen Namen trug, wurde es praktischerweise gleich nach seinem Leiter benannt. Wer die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR meint, sagt einfach Gauck-Behörde. Auch das ist einmalig.

Von den Gegnern der Aufklärung wurde Joachim Gauck als Inquisitor geschmäht. Andere forderten, die Unterlagen, über die er verfügte, gehörten auf einen Scheiterhaufen. Solche Töne waren in den ersten Jahren überwiegend aus dem Osten zu hören. Erst später, als die für tot erklärte Stasi wie ein Zombie auch im Westen über manchen Politiker Angst und Schrecken brachte, bekam es Gauck von beiden Seiten zu hören: Jetzt müsse Schluss sein.

Aber Schluss ist noch lange nicht, auch wenn Joachim Gauck, der diese sonderbare Behörde aufgebaut und geprägt hat, nach Ablauf seiner Amtzeit am heutigen Tag geht. Gauck hatte es als seine Aufgabe bezeichnet, den Opfern des Spitzelstaates das Selbstbestimmungsrecht über ihre Daten zurückgeben. Das hört sich gut an und ein wenig bürokratisch. Tatsächlich hat der Bote Gauck bittere Wahrheiten verkündet. Aber Gewissheit zu haben ist besser, als mit düsterer Ahnung zu leben. Das Gift der Stasi wirkte nach. Es schuf Misstrauen, Neid und Zweifel. Die Wahrheit kann wehtun. Aber sie immunisiert auch. Und reinigt. So lässt sich die Zukunft besser gestalten.

Die Geschichte der Gauck-Behörde ist eine Erfolgsgeschichte. Aber nicht jedes Kapitel ist gelungen. Wie es mit Experimenten eben so ist: manche gelingen, manche nicht. Ein Lernprozess, wie die ganze Einheit. Wie viele und welche Informationen an wen und wann herausgegeben werden, das ist geregelt. Und doch gab es Ungerechtigkeiten und Härten, Banalitäten, die zu Affären wurden, unnötige Verbitterungen. Mancher stolperte über eine lässliche Jugendsünde. Einiges würde heute anders laufen.

Heikel waren immer Enthüllungen über Politiker. Auf Gauck lastete zuweilen enormer Druck, doch er hat ihm widerstanden. Er ist an seiner Behörde gewachsen und seine Behörde an ihm. Gauck hat sich von einer moralischen Instanz zu einer politischen gewandelt, ohne dabei Politiker zu werden. Gaucks größtes Verdienst ist sicher die Deutungsmacht seiner Behörde. Nicht immer war alles so, wie es schien. Wer Opfer ist und wer Täter, was Dichtung ist und was Wahrheit, wer abgeschöpft wurde und was es bedeutet, ob jemand naiv war und dumm, dreist oder feige - das wissen wir meistens von ihm.

Im Osten hat mancher die Behörde als Gemeinheit des Westens angesehen, weil die Enthüllungen ungleich verteilt waren. Aber die Stasi hatte sich nun mal auf den Osten konzentriert; ungleich verteilt waren die Spitzel. Ob der Westen zu sehr aus dem Blickfeld der Behörde geriet, ob er gar geschont wurde, darüber gab es auch innerhalb des Amtes Streit. Aber ein Instrument des Westens, um den Osten zu diskreditieren, das war die Behörde nie. Das erste Gesetz zur Sicherung und Nutzung der Stasi-Akten hat noch die frei gewählte Volkskammer beschlossen. Die Opfer sollten erfahren, wie der Apparat Einfluss auf ihr Leben genommen hatte. Viele hunderttausend frühere DDR-Bürger wollten es wissen.

Joachim Gauck war der richtige Mann für dieses Amt. Heute übergibt er es nun an Marianne Birthler, die vom Bundestag als seine Nachfolgerin gewählt worden ist. Ihren Namen wird die frühere Bürgerrechtlerin, Bildungsministerin und Grünen-Sprecherin der Behörde nicht geben können. Aber sie wird sie anders prägen. Der Wandel hat bereits begonnen. Es wird mehr geforscht werden und, vor allem, mehr gelehrt. Es ist die Zeit der abgeklärten Aufklärung. Und noch eine Aufgabe bildet sich heraus. Seit einiger Zeit fragen frühere Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit bei der Behörde an. Sie hoffen, dort ihren Rentennachweis zu finden.

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