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Joachim Gauck in Bautzen : Der Demokratie-Erklärer

Bei einem Besuch in Bautzen wirbt Bundespräsident Joachim Gauck für eine demokratische Gesprächskultur - und stößt auf Skepsis. Später wird er von Demonstranten sogar ausgebuht.

Christine Keilholz
Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Diskussionsveranstaltung in Bautzen.
Bundespräsident Joachim Gauck bei einer Diskussionsveranstaltung in Bautzen.Foto: dpa

Nee, so viel Polizei, schimpft ein älterer Herr, der ganze Markt voll. „Bloß weil der Gauck kommt, und wieso kommt der? War doch gar nüscht.“ Ein Flüchtlingsheim hat nachts gebrannt vor drei Wochen. Davor standen Leute und haben geklatscht und gejohlt. Jetzt steht vorm Rathaus nur eine Handvoll Leute, als Bundespräsident Joachim Gauck aus dem Wagen steigt.

Die junge Frau mit Igelschnitt und der Rentner mit Hut unterbrechen ihr Gespräch dafür nicht. Er hat den Eis essenden Enkel am Arm und sagt, er habe nichts gegen Flüchtlinge, sei selber mal einer gewesen. Sie sagt, die meisten seien aber keine Flüchtlinge und die, die sie ins Land lassen, seien Politiker, „die selber keine Kinder haben“. Sie gehen ohne Einigung auseinander, weil ein Kamerateam dazu kommt. Bautzen im Osten Sachsens, 40000 Einwohner, war früher die Stadt des Gelben Elends. Mittelalterliche Trutztürme über der Spree, ein Dom und schmucke Heime stolzer Barockbürger. Für die zwei Urlauberinnen aus Wien, die im rauen Wind Schaufenster bummeln, ist Bautzen „eine so wunderschöne Stadt“. Ja, von dem Brandanschlag haben sie gehört. Nein, das hat sie nicht abgeschreckt, aber „das gibt es bei uns auch“. Es seien halt einfach zu viele, die da kommen, sagt Edith. „Da braucht man sich nicht wundern, wenn es mal brennt.“

Eine Stunde später wird Gauck in einer warmen Halle vor 100 Leuten sagen: „Wir brauchen die Enteignung des rechten Randes vom Besitz der Sorgen von everybody.“ Er wird die Sachsen für ihren Mut loben, damals als erste demonstriert zu haben, als Vorbild für alle. Sagt er ganz bewusst so. Aber das Podium im Haus des Sorbischen Nationalensembles kommt eine halbe Stunde aus, ohne Pegida zu erwähnen. Im Publikum sitzen Handwerker, Fußballtrainer, Feuerwehrmänner, Gemeinderats-Leute und reihenweise Gymnasiasten. Dialog, sagt Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), „ist nicht nur eine Bringschuld der Politik, sondern auch eine Holschuld des Publikums“.

Als Gauck und Tillich zum Auto gehen, wird wieder gepöbelt

Ein Mann Mitte 60 will wissen, wieso eigentlich die Parteien regieren, es seien doch nur drei Prozent der Leute in einer Partei. Gauck antwortet: „Sie dürfen ruhig davon ausgehen, dass das System, für das wir mal gekämpft haben, immer noch funktioniert.“ Und weiter sagte er: „Im Internet eine Hasstirade zu posten, ist noch keine demokratische Debatte.“

Eine zierliche Mittfünfzigerin sagt: „Ich gehe den ganzen Tag arbeiten und sehe abends in den Nachrichten, wie die Parteien aufeinander hetzen.“ Warum sich jetzt wieder alle aufregen über das Bild von der Zeitschrift „Compact“ im Polizeiauto, das solle ihr mal wer erklären. Die Politik-Chefin des MDR, Uta Deckow, erklärt ihr, dass die Polizei zur Neutralität verpflichtet ist, weshalb eine AfD-nahe Zeitschrift hinter der Polizeiautoscheibe nichts verloren habe. Die Frau sagt noch, es gehe ihr nicht um die Zeitschrift, sondern um den Wind, der darum gemacht werde.

Das ostsächsische Lebensgefühl aus dem Mund von Bäckermeister Roland Ermer: „Jeder weiß, es geht niemandem schlechter, als es ihm jemals gegangen ist.“ Und trotzdem habe man das Gefühl: „Wir sind die Abgehängten!“ Das würden auch viele Parteien so sagen: „Bei Euch gibt es doch nichts. Ziehen alle weg. Ihr verdient viel weniger als andere, und so.“ Handwerker, sagt er, erwarten von der Politik mehr Ehrlichkeit in der Kommunikation. Es gehe keinem darum, „Leute zu verstehen, die pöbelnd vor Bussen stehen“.

Gepöbelt wird wieder, als Gauck zusammen mit Tillich zurück zum Auto geht. Eine Truppe Stoppelköppe im Lehrlingsalter ruft „Volksverräter“. Aber die Gemeinten sind schnell außer Sichtweite. Bei einem Stadtrundgang wird Gauck von offenbar rechten Demonstranten auch noch beschimpft und ausgebuht. (mit dpa)

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