• Johannes Rau: Der Bundespräsident lässt sich in der Sommerpause operieren - Biedenkopf vertritt ihn im Amt

Politik : Johannes Rau: Der Bundespräsident lässt sich in der Sommerpause operieren - Biedenkopf vertritt ihn im Amt

apz/rah

Die Krankheit des Präsidenten ist offiziell im Schloss Bellevue kein Gesprächsgegenstand gewesen. Johannes Rau thematisierte die unausweichliche Notwendigkeit eines Eingriffs auch gegenüber seinen engsten Mitarbeitern nicht. Aber die lange Sommerpause ohne Termine - von Ende Juli bis zum 20. August - war ein erstes Indiz dafür, dass Raus Ärzte zur Eile geraten hatten. Dafür sprach auch die im September bevorstehende dreiwöchige Reise des Staatsoberhauptes nach Asien, Australien und Neuseeland.

Ein Platzen der Bauchschlagader führt innerhalb weniger Minuten durch inneres Verbluten zum Tod. Wäre es auf einem der Langstreckenflüge dazu gekommen, hätte niemand Rau helfen können. Rau hatte die Operation - dass sie eines Tages nötig sein würde, wusste er seit fünf Jahren - immer wieder hinausgeschoben. In der Phase, in der er sich auf Präsidentschaftskandidatur vorbereitete, wäre der Eingriff nicht möglich gewesen. Rau hatte sich ohnedies permanent mit Kritikern auseinanderzusetzen, die ihn für nicht genügend belastbar hielten. Aus dem gleichen Grund wurde der Eingriff auch unmittelbar nach seiner Wahl zum Präsidenten bis auf weiteres verschoben.

Als er am 27. Juni eine Reihe führender Journalisten und Hauptstadtbüroleiter zu einem Grillfest ins Schloss Bellevue eingeladen hatte, lüftete Rau zum ersten Mal andeutungsweise den Schleier der Geheimhaltung. Er sprach lange und ambitioniert von dem bevorstehenden Staatsbesuch im australisch-asiatischen Raum, kam dann auf seine Urlaubswochen auf Spiekeroog zu sprechen und beendete den langen Satz mit der nachdenklichen Formulierung: "Und dazwischen bleibt viel Zeit für Dinge, zu denen man sonst nicht kommt ...". Die meisten Journalisten ahnten, dass Rau damit auf die bevorstehende Operation anspielte. Sie respektierten aber, dass er eine öffentliche Debatte über das Thema verweigerte.

Derweil bezeichnete Sachsens Regierungssprecher Michael Sagurna die Nachricht, dass Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) bereits ab Montag vertretungsweise das Amt des Bundespräsidenten übernehmen soll, als "wohl zutreffend". Als Bundesratspräsident ist er nach der Verfassung zu dieser Vertretung verpflichtet. Wie der Sprecher betonte, seien wahrscheinlich keine Termine wahrzunehmen, so dass Biedenkopf seinen Urlaub am Chiemsee nicht verschieben brauche.

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