Politik : Johannes Rau ist, was er wollte - nur, was will er jetzt noch?

Ingrid Müller

Was macht eigentlich . . . Johannes Rau? Hundert Tage ist der Bundespräsident heute im Amt. Merkwürdig still ist es um den ersten Mann im Staate.

Niemand kann ihm vorwerfen, er liege auf der faulen Haut, meide unangenehme Situationen. Immerhin war Johannes Rau als erster Bundespräsident zum Jahrestag des Kriegsbeginns am 1. September in Polen, auf der Westerplatte. An die G 7, die reichsten Industriestaaten, hat Rau appelliert, die Entschuldung der armen Länder voranzutreiben. In die Ladenschlussdebatte griff er ein: Der Sonntag dürfe nicht zur Verfügungsmasse des Konsums werden. Zum Tag der Einheit rief Rau dazu auf, die Deutschen sollten bei aller Diskussion über das noch nicht gelungene Zusammenwachsen von Ost und West das Staunen über die Einheit nicht vergessen. Diese Woche war er als erster offizieller Gast bei EU-Kommissionspräsident Prodi. Bei der Nato kündigte er an, er werde vor Weihnachten die deutschen Soldaten auf dem Balkan besuchen. Danach: Visite in Belgien und Luxemburg. Zwischendurch: Ehrungen für verdiente Bürger daheim.

Der Mann hat viel zu tun. Er handelt und spricht korrekt. Und vorhersehbar. Liegt es daran, dass das Gesagte seltsam verhallt? Dass der Präsident gleichsam im Nebel des Gewöhnlichen verschwindet? Als außergewöhnlich wird allenfalls die Würdigung Willy Millowitschs erinnert. Aber das war eine Hommage des langjährigen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen für den verstorbenen Volksschauspieler.

Sind das die Aktionen, die die Union so fürchtete? Sie hatte mit einem Aufschrei reagiert, als der frisch gekürte Bundespräsident direkt nach seiner Wahl verkündete, er wolle Präsident aller Deutschen, aber auch Ansprechpartner für alle Menschen ohne deutschen Pass im Lande sein.

Rau hat zum Amtsantritt noch etwas gesagt: "Ich will zur Öffentlichkeit verhelfen, was in die gesellschaftliche Debatte gehört." Bisher sind es Gesten gewesen. Nicht wegweisende Worte. Die Gesellschaft hat Diskussionsbedarf - in einer Umbruchsituation mit unabweisbaren Spar-Zwängen, der Herausforderung, das Rentensystem für die nächsten Generationen fit zu machen. Es gibt Vieles, das am fest gefügten Bild der Gesellschaft kratzt. Kratzen muss. Darüber offen sprechen wollen nur wenige. Auf dem Weg in die Zukunft herrscht Ratlosigkeit. Es gibt viel zu debattieren. Wo ist Ihr Beitrag, Herr Bundespräsident?

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