Politik : John Kornblum: Ein Berliner

Hermann Rudolph

Ein bisschen wird es ihm gehen wie Moses, der das gelobte Land von ferne sah, es aber nicht mehr betreten konnte. Vom Eckhaus Pariser Platz 4 a wird John C. Kornblum den Aufbau der amerikanischen Botschaft schräg gegenüber beobachten, aber er wird in ihr nicht mehr residieren. Mit dieser Woche scheidet der amerikanische Botschafter aus dem Amt und tritt in die Dienste eines französischen Investment-Bankhauses. Doch er wird nicht nur als Person weiter präsent sein. Dieser kräftige Mann mit seinem selbstbewussten Auftreten, das gelegentlich etwas Vizekönighaftes hatte, wird als eine herausragende politisch-diplomatische Gestalt in Erinnerung bleiben.

Dass er der erste amerikanische Botschafter in Deutschland war, der seinen Sitz wieder in Berlin hatte, war dabei nur der letzte, allerdings konsequente Schritt seiner Laufbahn. Der Stolz, mit dem er sich seit 1999 in der Hauptstadt bewegte, konnte sich darauf stützen, dass er wie wenige sonst an der Geschichte mitgewirkt hat, die diesen Schritt möglich machte. Dafür steht die einzigartige Folge seiner Stationen und Missionen: Bonn seit 1969, Viermächte-Abkommen und KSZE-Treffen in Belgrad, der legendäre European-Desk im Außenministerium in Washington, vor allem aber Berlin, in den heiklen 80er Jahren als Gesandter, also als politischer Kopf der Amerikaner, wirksam und einflussreich in der geteilten Stadt. Ein nun bald 37-jähriges Diplomatenleben als Arbeit an jener deutsch-europäischen Wiederherstellung, die mit der Wiedervereinigung Deutschlands und des Kontinents ans Ziel gekommen ist. Davon, dass sie noch nicht vollendet ist, kann der KSZE-Botschafter nach 1991 und Holbrooke-Stellvertreter bei der Bosnien-Lösung ein Lied singen.

Auch der Botschafter in Bonn und Berlin? Spannungslos war Kornblums Wirken ja nicht. Das hatte nicht nur damit zu tun, dass er dafür nicht der Typ ist - in dem Mann aus dem mittleren Westen steckt von der Großvaterseite her ein gutes Stück ostpreußischer Bauern-Beharrlichkeit. Es hatte tiefere und zugleich einfachere Gründe. In Deutschland, besonders in Berlin, galt Kornblum ja eigentlich als "einer von uns", Mitakteur der atemberaubenden Berliner Überlebens-Geschichte, der er war - so wie er allen Grund hatte, sich als naher Verwandter, ja, wie er gesagt hat, "siamesischer Zwilling" zu empfinden. Aber zugleich war er Botschafter, hineingestellt in eine ungleich offenere Situation, konfrontiert mit einem unglaublichen Wandel. Alle die Spannungen, die das Nachwende-Jahrzehnt zwischen Amerika und Deutschland hervorruft, nahmen an ihm Gestalt an - seiner intellektuellen und mentalen Statur gemäß mit forderndem Nachdruck und scharfen Kanten.

Kein Drum-herum-Redner also, sondern jemand, der auf Klarheit, Entschiedenheit, Veränderung drängte. Für die Phase der Neuformierung der deutsch-amerikanischen Beziehungen war Kornblum eine denkwürdige Besetzung. Man wird Seinesgleichen an solcher Stelle nicht mehr sehen. Und er war es für Berlin. Als er 1993 die Treffpunkt-Tagesspiegel-Reihe mit einer großen Rede eröffnete, beschwor er die Stadt, ihre Erinnerungen sorgfältig zu bewahren. Aber er dachte auch an ihre Zukunft: Berlin müsse den "süßen Egoismus" der Metropolenhaftigkeit wiedererlangen.

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