Joschka Fischer : "Mit Verlaub, Herr Minister, Sie werden 60"

Kein anderer Politiker symbolisiert das Erwachsenwerden einer Partei so, wie Joschka Fischer. Das "political animal" hat sich aus der Politik zurückgezogen und begeht nun ein rundes Jubiläum.

Hans Monath
Joschka
Joschka Fischer -Foto: ddp

Berlin - Alle paar Wochen klingelt bei bekannten Realpolitikern der Grünen das Telefon. „Ich bin’s“, knarzt eine dem Empfänger wohlbekannte Stimme und raunt dann etwa: „Ich mach mir Sorgen.“ Mit seinem Bundestagsmandat hat Joschka Fischer im September 2006 zwar sein letztes politisches Amt niedergelegt. Doch die Politik treibt das „political animal“ (Fischer über Fischer) noch immer um. Vor allem das Schicksal seiner eigenen Partei beschäftigt den früheren Vizekanzler und Außenminister.

Entgegen allen Gerüchten aber sind die Zeiten längst vorbei, da der Machtpolitiker Fischer mit seiner gefürchteten Telefondiplomatie bei Entscheidungen der Grünen mitmischte. Parteichef war er nie, und wirklich warm, so hat er im ersten Teil seiner Memoiren verraten, wurde er mit seiner eigenen Partei auch nie. Konsequenter als die meisten anderen Spitzenpolitiker machte der Autodidakt nach dem Sturz der rot-grünen Regierung einen Schnitt und nahm von seinem Leben in der Öffentlichkeit und von seinen Leibwächtern Abschied. Er tausche nun wieder Macht gegen Freiheit, verkündete er damals. Nach einem Jahr als Gastprofessor in Princeton betreibt Fischer heute von seiner Villa im Grunewald aus die Firma „Fischer Consulting“, hält Vorträge und schreibt eine wöchentliche Internetkolumne („zeit.de“), die nicht mit Sensationen aufwartet.

Fischers Partei ist an seiner Realpolitik, insbesondere an den Entscheidungen für den Kosovo- und Afghanistankrieg fast zerbrochen. Und manche früheren Beschlüsse weichen die Grünen langsam wieder auf. Im Rückblick aber darf Fischer als jener Politiker gelten, der die demokratische Linke in Deutschland davon überzeugt hat, dass zur Verantwortung Deutschlands im 21. Jahrhundert notfalls auch der Einsatz von Militär gehört. Teilweise versöhnt wurde die Linke dann durch die harte Opposition der rot-grünen Bundesregierung gegen den Irakkrieg. Fischers Satz „Sorry, I am not convinced“, mit dem er auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2003 den US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld konfrontierte, brachte die Haltung der meisten Europäer gegenüber dem Irakkrieg auf eine gültige Formel.

Nur einmal noch ist der Realpolitiker seinem Vorsatz, politisch enthaltsam zu bleiben, untreu geworden – mit einem Auftritt im hessischen Wahlkampf. Kaum vorstellbar ist aber, dass der Ex- Minister sich zurückhält, wenn im Jubiläumsjahr der Streit um die Achtundsechziger tobt. Im Kampf dieser Generation sieht er trotz aller Verirrungen einen aufklärerischen Impuls.

Seinen 60. Geburtstag feiert Joschka Fischer am Samstagabend in einem angesagten Berliner Edelrestaurant. In zehn Tagen will ihn dann auch seine alte Bundestagsfraktion mit einem Empfang hochleben lassen. In Anlehnung an ein bekanntes Fischer-Zitat verkündet die Einladung: „Mit Verlaub, Herr Minister, Sie werden 60“. Hans Monath

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