Politik : JOSCHKA FISCHER

Robert Birnbaum[Berlin]

Joschka Fischers Biografen pflegen seinen Lebenslauf als Zwiebel-Phänomen zu beschreiben: Jeder neue Lebensabschnitt eine neue Schale mit einem neuen Fischer. Tatsächlich steht der 1946 im baden-württembergischen Gerabronn geborene Sohn einer ungarndeutschen Familie für die alternative Version des Tellerwäscher-Mythos. Dabei verlief sein Weg vom Taxifahrer mit linksradikalen Neigungen zum Außenminister spätestens seit seinem Eintritt in die Partei der Grünen 1982 logisch. So viele rednerische Ausnahmetalente gab es auch in der neuen Avantgarde-Partei nicht; überdies setzte Fischer früher und nachhaltiger als viele in der idealistischen Gründergeneration auf eine realpolitische Entwicklung hin zu einer normalen Partei. Folgerichtig war er Mitglied der ersten grünen Bundestagsfraktion 1983, wurde zwei Jahre später in Hessen als erster Grüner Landesminister, wechselte 1994, diesmal als Fraktionschef, wieder in den Bundestag und wurde 1998 als Frontmann der ersten rot-grünen Bundeskoalition Außenminister und Vizekanzler.

Dass es Fischer gelang, seiner widerstrebenden Partei die Zustimmung zur deutschen Beteiligung am Kosovokrieg abzuringen, gilt vielen schon heute als seine größte politische Leistung. Denn Fischer erreichte nicht nur dieses Ja, sondern verhinderte mit seinem Plädoyer für die moralisch gebotene humanitäre Intervention auch ein Auseinanderbrechen der Partei. Als sein größter publizistischer Erfolg hat sich eine Art Schnellversion der Tellerwäscher-Story erwiesen: „Mein langer Lauf zu mir selbst“, das Buch von der Selbstdisziplinierung des Genussmenschen zum Marathonläufer. Der Realo Fischer hat früher als viele in seiner Partei begriffen, dass der Marsch durch die Institutionen der einzig gangbare Weg für die einstige außerparlamentarische Bewegung war, um dauerhaft Einfluss auf die Entwicklung des Landes zu bekommen.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar