Joschka Fischers Erinnerungen : "Der Rand des Abgrunds war erreicht"

Joschka Fischer hat wieder geschrieben. Sechs Jahre nach dem Ende von Rot-Grün breitet der ehemalige Außenminister nun die Geschichte seiner Konflikte mit Schröder aus - zum Beispiel über den Irak-Krieg.

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Das deutsche "Nein" zum Irak-Krieg war ein schwieriges: Der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld diskutiert mit Joschka Fischer auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2003.
Das deutsche "Nein" zum Irak-Krieg war ein schwieriges: Der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld diskutiert mit...Foto: dpa

Um wenig hat Joschka Fischer während seiner Zeit als Außenminister ein größeres Geheimnis gemacht als um sein Verhältnis zu Gerhard Schröder. Wenn während eines Interviews das Mobiltelefon des Vizekanzlers klingelte und er aufsprang wie von der Tarantel gestochen, war klar: Der Kanzler ruft an. Der Grünen-Politiker verzog sich in die entfernteste Ecke des Raumes, hielt schützend die Hand über das Handy und raunte, die Umgebung scharf im Auge, im Flüsterton vor sich hin. Journalistenfragen nach dem Inhalt des Gesprächs wurden im besten Falle mit genervtem Augenrollen beantwortet.

Sechs Jahre nach dem Ende der rot-grünen Koalition hat Fischer nun die Geschichte seiner Konflikte mit Schröder ausgebreitet. Damals war er überzeugt, dass er die Differenzen herunterspielen musste, um die Regierung nicht zu gefährden. Nun berichtet er im zweiten Band seiner Memoiren („I am not convinced. Der Irak-Krieg und die rot-grünen Jahre“), die diese Woche erscheinen, dass sich Kanzler und Vizekanzler im Streit um die Form des Widerstands gegen den Irak-Krieg Anfang 2003 mit Rücktritt drohten, was ihr Misstrauen gegeneinander stark beförderte. Als Berichte über das Zerwürfnis erschienen, fürchtete Fischer, die Koalition habe „den Rand des Abgrunds erreicht“.

Nach der Wiederwahl von Rot- Grün ärgerte sich Fischer ohnehin über präsidiale Anwandlungen des Kanzlers, der in der Außenpolitik zunehmend selbstherrlich agierte. Ohne Abstimmung verkündete der Wahlkämpfer Schröder dann im Januar 2003, Deutschland werde in keinem Fall einer UN-Resolution für einen Irak-Krieg zustimmen. Der Außenminister war schockiert – nicht nur über die De-facto-Absage an die UN, auch über die Aussicht, womöglich mit Syrien als einzige Nation im Sicherheitsrat gegen den Rest der Welt stimmen zu müssen. Der letzte diplomatische Spielraum, den Fischer bei seiner Gratwanderung zwischen Bündnistreue und Anti-Kriegskurs bewahren wollte, schien dahin.

Auch über den Umgang mit so wichtigen Partnern wie Russland oder China stritten die Politiker damals erbittert. Heute verdienen beide als Berater ihr Geld – Schröder unter anderem für die Ostsee- Gaspipeline nach Russland, Fischer unter anderem für das Gegenprojekt Nabucco. So tief ist ihr Zerwürfnis nicht, dass sie nicht manchmal telefonieren und sich fragen, wie sie heute entscheiden würden. Und sich, klar, einig sind, dass sie es besser könnten.

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