Politik : Joschka Fischers Vergangenheit: Warum eine Werferin zum Werfer wurde

Christoph Schmidt Lunau

In dem Plenarsaal, in dem Joschka Fischer vor 15 Jahren - in Turnschuhen - seinen ersten Amtseid als Minister geleistet hatte, bestritten am Donnerstag CDU und FDP die Eignung des Grünen zum Außenminister. Der hessische Landtag diskutierte heftig über Fischers militante Vergangenheit. Für Aufregung sorgte Justizminister Christean Wagner (CDU), als er dem Plenum in der Fischer-Debatte vieldeutig von einem Ermittlungserfolg berichtete: Die "Person", die 1976 bei einer Demonstration nach dem Tode Ulrike Meinhofs einen Moltowcocktail geworfen, und dabei einen Polizeibeamten schwer verletzt habe, sei der Staatsanwaltschaft aufgrund eines neuen Zeugenhinweises "als vermutlicher Werfer" inzwischen namentlich bekannt, so der Minister.

Die Deutsche Presse Agentur meldete die - scheinbar - spektakuläre Nachricht mit Vorrang, sah sich veranlasst nachzufragen, ob "der Werfer" möglicherweise der Außenminister selbst gewesen sein könnte, was "Justizkreise" schließlich verneinten. Auch andere waren verwirrt, denn vor zwei Wochen war bekannt geworden, dass die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen dieses Anschlags eine Frau sucht, also "eine Werferin", die nach Brasilien ausgewandert sein soll. Auch der Informant der Staatsanwaltschaft, dessen Aussage 1999 das Ermittlungsverfahren wieder in Gang gebracht hatte, ist längst bekannt: Manfred S. hatte im Februar 2000 mit der Meinhof-Tochter Bettina Röhl einen Vertrag geschlossen. Sie erhoffte sich von ihm offenbar, dass er den Außenminister in einen Zusammenhang mit dem Brandanschlag bringen würde. In der "Süddeutschen Zeitung" waren im Januar Auszüge aus einem Briefwechsel zwischen den beiden nachzulesen. Manfred S., der zur Zeit wegen anderer Delikte in Haft sitzt, lieferte schließlich einen Augenzeugenbericht, in dem er eine Frau und ihre Mitstreiterinnen belastete, zur Enttäuschung der Meinhof-Tochter, die dennoch weiterhin Fischer beschuldigt. Gab es eine Wende in dieser brisanten Angelegenheit? Nein, so ein Sprecher des Justizministeriums, der Minister habe natürlich nichts Neues gesagt, er habe sich lediglich sehr allgemein äußern müssen - aus rechtlichen Gründen. Sollte es dem erfahrenen Justizminister zufällig unterlaufen sein, dass aus einer verdächtigen Frau in seiner Erklärung ein männlicher "Werfer" wurde?

In der Debatte selbst gab es kaum neue Argumente. CDU Fraktionschef, Norbert Kartmann, nannte Fischer einen Wort- und Schreibtischtäter, der feige auf wehrlose Polizisten eingeprügelt habe. SPD und Grüne warfen der CDU Heuchelei vor. Der Grüne Rupert von Plottnitz nannte die Vorwürfe gegen den Außenminister unredlich und bösartig, weil Fischer sich kritisch und selbstkritisch zu den Gewalttaten geäußert habe, an denen er vor mehr als 25 Jahren in Frankfurt beteiligt gewesen sei.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben