Politik : Joseph Ratzinger: Hoch begabt und sehr besorgt

Martin Gehlen

Er ist der zweitmächtigste Mann im Vatikan. Kein anderer hat das Pontifikat von Johannes Paul II. so stark mitgeprägt wie Joseph Ratzinger, seit 1981 Präfekt der Glaubenskongregation. Mit dem 81-jährigen polnischen Papst verbindet den bayerischen Kurienkardinal ein routiniertes Vertrauensverhältnis. Unter vier Augen reden die beiden Deutsch miteinander. Und wenn es mal Meinungsunterschiede gibt, "hat der Papst natürlich das letzte Wort". Anderen gegenüber dagegen strahlt Ratzinger stets etwas Fremdes und Kühles aus, eine Distanziertheit zu allem. Vor 50 Jahren wurde der oberste katholische Glaubenswächter zum Priester geweiht. An diesem Freitag feiert er sein Goldenes Jubiläum - zusammen übrigens mit seinem drei Jahre älteren Bruder Georg, der 30 Jahre lang die berühmten Regensburger Domspatzen geleitet hat.

Ratzinger, der 1927 im oberbayerischen Marktl am Inn auf die Welt kam, gilt als klug, machtbewusst und hartnäckig. Von den lateinamerikanischen Befreiungstheologen ließ er in den achtziger Jahren erst ab, als der Papst persönlich intervenierte. Im Streit um die Schwangerenberatung in Deutschland zwang er in mehreren Anläufen die sich sträubenden Oberhirten auf römischen Kurs. Seine Forderung nach innerkirchlicher Disziplin entspringt nicht engem dogmatischem Geist, der stur das Einhalten von Regeln fordert. Ratzinger, der zu den begabtesten Theologen des 20. Jahrhunderts gehört, treibt vielmehr die Sorge um das Profil des Katholischen. Der Autor von mehr als 30 Büchern fürchtet, die Zentrifugalkräfte der Postmoderne könnten die katholische Kirche mit der Zeit in ihrem Bestand gefährden.

In seinen Augen sind die Moraltheologie sowie die Theologie der Religionen die zentralen Felder, auf denen derzeit der Kampf um katholische Identität und um die angemessene Präsenz der Kirche im 21. Jahrhundert ausgefochten wird. Zahlreiche römischen Schreiben der letzten zwei Jahrzehnte versuchen deswegen, die aus dem Impuls des Konzils entwickelten, neuen moraltheologischen Strömungen wieder auf die traditionelle römische Linie festzulegen.

Mancher Theologe hat seine Ansichten auf Initiative Ratzingers mit dem Entzug seiner Lehrbefugnis bezahlt. Und bei dem umstrittenen päpstlichen Lehrschreiben "Dominus Iesus", welches im Verhältnis zu den protestantischen Kirchen erheblichen Flurschaden angerichtet hat, führte Ratzinger selbst die Feder.

Bereits mit 31 Jahren stand der Hochbegabte als Professor für Dogmatik am Katheder und lehrte in der Folge an den Universitäten Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. Ähnlich wie Karl Rahner und Hans Küng nahm der "theologische Teenager" als Sachverständiger und später als offizieller Konzilstheologe am Zweiten Vatikanum teil. Unter anderem entwarf er die berühmte Rede, mit welcher der Kölner Kardinal Joseph Frings in Rom für eine durchgreifende Erneuerung der Kirche eintrat und die reformfeindlichen Pläne der Kurie durchkreuzte. Ratzinger ging allerdings zwei Jahrzehnte später dazu über, von dem "Ungeist des Konzils" zu reden, womit er eine "unkritische Öffnung der Kirche zur Welt und zum Zeitgeist" meinte.

Seit Jahren fühlt sich der Präfekt der Glaubenskongregation gesundheitlich angeschlagen und ächzt auch schon mal öffentlich über die Bürde seines Amtes. Nach wie vor ist der glänzende Rhetoriker ein gesuchter Interviewpartner und Medienstar unter den Kuriengewaltigen. Durchschnittlich zehn Anfragen aus aller Welt erreichen pro Tag sein Büro am Petersplatz. Nächstes Jahr wird Joseph Ratzinger 75 Jahre alt - kirchenrechtlich die offizielle Pensionsgrenze für Oberhirten.

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