Politik : Journalisten finden Merkel toll

PekingDie regimekritischen chinesischen Journalisten, die
Kanzlerin Angela Merkel am Dienstag in Peking getroffen hat, haben
sich für Pressefreiheit, ein Mediengesetz in China und politische
Reformen ausgesprochen. Ein freiheitliches demokratisches System
könne der gesellschaftlichen Stabilität Chinas dienen, sagte der
frühere Herausgeber der Beilage der «China Youth Daily», Li Datong.

   In Gesprächen mit der Deutschen Presse-Agentur dpa mit drei der
vier Teilnehmer an dem Treffen zeigten sich die Journalisten
beeindruckt von der Kanzlerin. Li Datong beschrieb sie als «sehr
nett», «klug» und «wirklich freundlich». «Ich hatte nicht einmal das
Gefühl, dass sie die Regierungschefin eines großen Landes ist».
Merkel habe großes Interesse an den gesellschaftlichen Problemen
Chinas gezeigt.

   Der Professor der Journalistenschule der China Youth University
for Political Science, Zhan Jiang, plädierte für ein Mediengesetz.
«Es ist nicht nur zum Schutz der chinesischen Medien, sondern soll
auch Fehlverhalten von Medienorganen einzuschränken.» Mit der
marktwirtschaftlichen Öffnung seien neue Probleme aufgetaucht, sagte
der Professor, ohne auf Korruption, die weit verbreitete Praxis
bezahlter Nachrichten oder Verstöße gegen journalistische Ethik
einzugehen. «Es hat viel mit Mängeln in der Rechtslage zu tun.»

   Die Kanzlerin kam seinem Wunsch nach, die Bitte an Parlamentschef
Wu Bangguo weiterzugeben, ein Mediengesetz in die gesetzgeberische
Planung für die nächsten fünf Jahre aufzunehmen. China könne viel von
westlichen Gesellschaften oder dem deutschen Rechtssystem lernen. Er
fühlte sich geehrt, die Kanzlerin getroffen zu haben. «Es ist eine
gute Sache, sich auf diese Weise zu treffen und auszutauschen.»

   Der renommierte Fotograf He Yanguang nannte Merkel «gerade heraus
und ernsthaft». «Ich denke, es ist für sie hilfreich, wenn sie mehr
von China versteht», sagte der Fotojournalist, der leitend in der
«China Youth Daily» arbeitet. Auf die Frage, welche Botschaft sie
Merkel für Chinas Führung mitgegeben hätten, sagte He Yanguang: «Der
Prozess der Demokratisierung muss sich beschleunigen.»

   Der Journalist Li Datong, der nicht mehr für Zeitungen in China
arbeiten darf und für ausländische Publikationen schreibt, sagte, die
Kanzlerin verstehe die Probleme in China sehr genau. «Sie wusste
ziemlich viel von fast allen Fragen, die wir angesprochen haben, ohne
dass es weiterer Erklärungen bedurfte.» Li Datong wollte nicht davon
reden, dass Druck auf Peking ausgeübt werden solle, sondern sprach
sich für einen regelmäßigen Austausch mit Chinas Führung aus.

   «Es muss ihnen klar gemacht werden, dass ein echtes demokratisches
und freiheitliches System sowie wahre Freiheit für die Medien gut für
anhaltenden gesellschaftlichen Frieden und Stabilität sind», sagte Li
Datong. Er hoffe, dass die chinesische Führung diesen Punkt verstehe.
«Natürlich bedarf es dafür mehr direkter persönlicher Gespräche.»

   Seine populäre Wochenbeilage «Gefrierpunkt» war 2006 wegen eines
Artikels mit Kritik an der offiziellen Aufarbeitung der chinesischen
Geschichte geschlossen worden. Mit einem neuen redaktionellen Team
erschien das Magazin wieder neu, spielt aber heute in der politischen
Diskussion keine Rolle mehr. Weiterer Teilnehmer an dem Gespräch mit
Merkel war Zhao Mu, der Chefredakteur der Blogger-Abteilung des
großen chinesischen Webportals sohu.com. (mit dpa)

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