Politik : Jubel in Orange

Alle Umfrageinstitute melden den Sieg der Opposition – offenbar kaum Manipulationen an den Urnen

Thomas Roser[Kiew]

Ein erleichtertes Lächeln huschte bei der Stimmabgabe über das zernarbte Gesicht des ukrainischen Oppositionschef Viktor Juschtschenko. „Dies wird ein Feiertag für die Ukraine und die ganze Nation“, gab sich der von einem heimtückischen Giftanschlag gezeichnete Präsidentschaftsanwärter siegesgewiss, während er im Blitzlichtgewitter der Fotografen seinen Stimmzettel im Kiewer Wahllokal Nr.1 in der durchsichtigen Plexiglas-Urne versenkte. Erste nach der Schließung der Wahllokale veröffentlichte Umfragen aller drei Demoskopie-Institute bestätigten einhellig den Optimismus des Präsidentschaftsanwärters. Sie sahen ihn mit einem Vorsprung zwischen 15 und 20 Prozent deutlich vor Premier Viktor Janukowitsch.

Landesweite Auszählergebnisse werden allerdings erst Montag früh erwartet. Ausdrücklich würdigte Juschtschenko jedoch schon vorab die friedlichen Dauerproteste seiner Anhänger, die mit ihrer erfolgreichen „Orangenrevolution“ die Wiederholung der verfälschten Stichwahl vom 21. November erzwungen hatten: „Heute siegt die Demokratie.“ Er habe für die Zukunft des Landes gestimmt, versuchte unterdessen auch Janukowitsch trotz der sich abzeichnenden Wahlschlappe Siegeszuversicht zu verbreiten: „Das Volk der Ukrainer wird die richtige Wahl treffen.“

Zum dritten Mal in acht Wochen wurden am Sonntag 37,6 Millionen wahlberechtigte Ukrainer zu den Urnen gerufen, um den Nachfolger des scheidenden Skandalpräsidenten Leonid Kutschma zu bestimmen. Nach dem ersten Wahlgang Ende Oktober war Juschtschenko vor Janukowitsch gelegen, doch hatte die nötige Mehrheit von 50 Prozent verpasst. Bei der erforderlichen Stichwahl am 21.November hatte die Zentrale Wahlkommission trotz offensichtlicher Manipulationen Regierungschef Janukowitsch zum Wahlsieger erklärt. Nach wochenlangen Demonstranten erklärte der Oberste Gerichtshof die Wahlfarce für ungültig – und machte den Weg für eine Wahlwiederholung frei.

Über 12 000 internationale Beobachter hatten sich bei der umformierte Wahlkomission für den neu angesetzten Urnengang registrieren lassen. Obwohl sie in einigen Regionen über unversiegelte Urnen und falsch gelagerte Wahlzettel klagten, blieb die Neuauflage der Stichwahl von größeren Zwischenfällen zunächst weitgehend verschont. Es gebe „deutlich weniger Fälschungen“ als noch vor fünf Wochen, vermeldete der Wahlstab von Juschtschenko.

Im Oppositionslager hegte nach der Veröffentlichung der ersten Umfragen kaum jemand mehr Zweifel, dass Juschtschenko im Januar zum Präsident der Ukraine vereidigt wird. Russlands Präsident Wladimir Putin, der lange Janukowitsch klar favorisiert hatte, signalisierte an Heiligabend grummelnd seine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Juschtschenko.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben