Politik : Jubeltage, Folternächte

MARIO VIGL

PRIZREN . Neben dem Schnellfeuergewehr liegen ein Weihnachtsmann, Schokolinsen und ein lila Plüschhase. Es sind Geschenke von Kindern. Vom Schützenpanzer herunter schreibt Unteroffizier Tobias Hans in der Nachmittagssonne ein paar Jungen seinen Vornamen auf den Unterarm. Auch in der dritten Woche nach dem KFOR-Einmarsch geben die Kosovaren den deutschen Soldaten das Gefühl, Helden zu sein. "Ein saugutes Feeling", sagt der kahlrasierte Hans. Nicht nur das: "Die Leute reichen uns dauernd Obst, Kekse und Limo hoch."

Zu viert thronen die Soldaten auf dem Siebenmeter-Panzer, dessen Kanone auf das örtliche UCK-Hauptquartier gerichtet ist. "Wir zeigen hier Präsenz, damit die Jungs wissen, daß sie die Bälle flach halten sollen", erklärt Oberfähnrich Karsten Neubert. So locker, wie er das sagt, sieht er auch die Sicherheitslage. Trotz strikter Anweisung des Bataillonskommandanten an alle Männer, sich draußen nie ohne kugelsichere Weste und Stahlhelm zu bewegen, sitzt Neubert im einfachen Tarnanzug und mit schnittiger silberner Sonnenbrille auf dem Marder. Daß zwei Tage vorher ein italienischer Soldat von einem Scharfschützen ermordet worden ist, bringt ihn nicht aus der Ruhe. "Wir sind gefährdet, aber nicht bedroht."

Die Tage sind ruhig, hart dagegen sind die Nächte. Keiner wagt sich dann ohne die zwanzig Kilo schwere Schutzweste auf die Straße. "Wenn die Sonne untergeht, geht in den Seitengassen der Wilde Westen los", sagt Hauptfeldwebel Frank Schüller, "Plünderungen, Brandschatzen, Vergewaltigung, Mord - alles." Der 39jährige steht acht Soldaten des Fallschirmpanzer-Abwehrbataillons Wildeshausen bei Bremen vor, die im Zentrum Prizrens serbische Flüchtlinge in einer Priesterschule bewachen. Schüller - groß, kurze Haare, Schnauzbart - dient seit zwanzig Jahren: "Wir sind die einzige Ordnungsmacht, wir müssen Sicherheit reinbringen." Daß die KFOR vor allem Polizeiaufgaben wahrnimmt, ist für ihn kein Problem. "Der Stadt tut das gut. Wir sind für alles ausgebildet." Die neue Rolle der Bundeswehr findet Schüller auch politisch richtig: "Das war ein Riesenschritt nach vorne. Deutschland darf sich nicht verstecken. Auch Engländer und Franzosen haben Familien. Als souveräner Staat mußt du militärisch festen Boden unter den Füßen haben."

Seine Männer stimmen ihm zu. Er hoffe, daß sich mit dem Kosovo-Einsatz das Image der Bundeswehr ändere, sagt Feldwebel Jens Puhan. "Bisher waren wir doch die Deppen, die nur Geld schlucken." Die Bilder von blumenbehängten Panzern und Kosovaren, die der Truppe zujubeln, könnten da helfen. "Der einfache Soldat leistet gute Arbeit hier", fügt Schüller hinzu, "das macht stolz."

Abends Streife durch das Serbenviertel. Albaner haben sieben leere Wohnungen besetzt und legen den Soldaten zur Legitimation Papiere vor, die von der "Cinik" sein sollen, der Bundeswehrabteilung für zivile Zusammenarbeit. Die Zettel sind handschriftlich abgefaßt und ohne Stempel. Für Rückfragen ist eine lokale Telefonnummer angegeben. "Das kann ja wohl nicht sein", stöhnt Feldwebel Puhan. Er erklärt den Hausbesetzern, daß er das prüfen müsse. "Wenn das nicht stimmt, schmeiß ich die alle raus."

Plötzlich über Funk die Meldung: UCK-Leute schlagen im "Zigeunerviertel" wahllos Leute zusammen. Das hat Priorität. "Aufsitzen", brüllt Puhan. Im KFOR-Wagen poltern sie über die Schlaglöcher. Nach ein paar Minuten kommen sie an. Von der UCK ist nichts mehr zu sehen, dafür stehen drei Bundeswehrfahrzeuge in der engen Gasse. Ein Mißverständnis, erklärt ein Kollege, die Prügeleien hätten wohl schon vor Stunden stattgefunden. "Jedes Mal dieselbe Scheiße", sagt Puhan. Zu spät kommen sie oft. Da tröstet auch nicht, daß einhundert Sinti und Roma Spalier stehen und applaudieren. "Die geht mir auf den Sack, die UCK", mault der Feldwebel. Das sehen viele Soldaten so. Außerdem ist kaum zu unterscheiden, ob jemand ein echter UCKler ist oder nur jemand in UCK-Uniform, die es schon für zwanzig Mark zu kaufen gibt. Oder ein Zweitagesoldat, der sich feiern lassen will, oder ein Krimineller, der sich tarnt. Tagsüber grüßen sie alle freundlich. "Ich traue keinem von denen", sagt ein Soldat.

Vergebens ist die Fahrt ins Sintiviertel nicht. Die Soldaten werden in die Wohnungen der Opfer geführt. Wimmernd liegt ein Mann auf einer Couch, den Rücken voller Striemen, der Kopf verbeult. Eine Mutter zeigt ihr zweijähriges Baby: Es hat einen Bluterguß auf der Stirn. Mit einem Gewehrkolben hätten die UCK-Leute es geschlagen, sagt die Frau weinend. Die deutschen Soldaten, die das mißhandelte Kind sehen, reagieren je nach Temperament. "Diese Mistböcke", sagt ein junger Berliner leise. "Es macht mich wütend, daß wir nicht früher hier waren", sagt Frank Schüller. "Das ist ein Kampf gegen Windmühlen."

Drei Sintis sind aus ihren Wohnungen geholt und in einem Keller gefoltert worden. Sie können den Bundeswehrsoldaten den Ort unabhängig voneinander genau beschreiben. Es ist der Keller der zentralen UCK-Kaserne, in der vor zwei Wochen schon einmal eine Folterkammer ausgehoben wurde. Hauptfeldwebel Schüller regt sich auf: "Das ist schon die ganze Zeit ein Kampf gegen die UCK", sagt er. Die Generäle würden das morgens in den Pressekonferenzen regelmäßig beschönigen, fügt ein anderer hinzu. "Aber wir haben den Piß jede Nacht."

Mit zehn Mann fahren die Soldaten zur UCK-Kaserne. Dort halten sich etwa 60 Kosovaren in Uniform auf. Im Keller finden die KFOR-Männer alles: eine Maske, einen Gartenschlauch, Nadeln und Blutspuren an der Wand. Nur einen Täter gibt es nicht mehr. "Wir haben Beweismaterial, wie soll ich verfahren?" funkt der Hauptfeldwebel an die Zentrale. Nach zehn Minuten die Antwort: Personalien aufnehmen, dann die Männer nach Hause lassen. Die Soldaten schimpfen über den Kurs ihrer Führung gegenüber der UCK. Das ist Kapitulation, sagt einer. "Man müßte den Laden hier leerräumen", sagt Schüller, "und allen ihre Uniform abnehmen. Hemden, Jacken, Hosen." Als die Namen notiert sind, es ist nach 23 Uhr, ziehen die Kosovo-Albaner lachend von dannen.

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