Jubiläum : Bilanz nach einem Jahr Bundesfreiwilligendienst

Vor einem Jahr wurden die Zivis durch Bundesfreiwillige ersetzt. Die Plätze sind begehrt, doch die Bedingungen sind schlechter geworden. Zwei Bufdis erzählen, wie sie das letzte Jahr erlebt haben.

Saara Wendisch
Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Max Pritzkoleit . Er arbeitet in der Werkstatt "Integral" für Menschen mit Behinderungen in Berlin.
Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Max Pritzkoleit . Er arbeitet in der Werkstatt "Integral" für Menschen mit Behinderungen in...Foto: Mike Wolff, TSP

Die Werkstatt ist hell und gemütlich. Auf den Arbeitstischen stehen gelbe Postkisten, gefüllt mit Handytaschen. Ein Mitarbeiter steckt sie in Plastikhüllen, der andere verschließt sie, der dritte versieht sie mit einem Haken, damit sie im Laden aufgehängt werden können. Max Pritzkoleit läuft zwischen den einzelnen Arbeitstischen hin und her, kontrolliert, ob jeder alles richtig macht, hebt Sachen vom Boden auf und motiviert die fast 20 Anwesenden. Seine Kollegen brauchen eine besondere Betreuung: Pritzkoleit absolviert seinen Bundesfreiwilligendienst bei Integral, einer Werkstatt in Berlin-Friedrichshain, die ausschließlich Menschen mit Behinderungen beschäftigt.

Die Stimmung ist gut. „Ich mag die Leute und es macht mir einfach Spaß, hier zu sein“, sagt Pritzkoleit. Dringend gebraucht wird er noch dazu. „Auch wenn in meiner Gruppe alle relativ selbstständig sind, sie brauchen alle eine ständige Kontrolle.“ Wenn der Abiturient nächste Woche nach einem Jahr seinen Dienst beenden wird, um sein Studium zu beginnen, wird seine Kollegin, eine bezahlte Heilerziehungspflegerin, zunächst jedoch alleine zurückbleiben.

Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Jan Esche. Er arbeitet in der Behindertenwerkstatt "Integral" in Berlin
Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst. Jan Esche. Er arbeitet in der Behindertenwerkstatt "Integral" in BerlinFoto: Mike Wolff, TSP

Als die Bundesregierung die Wehrpflicht praktisch abschaffte, fiel auch der Zivildienst weg. Wohlfahrtsorganisationen, Pflegedienste, Alten- oder Kinderheime hatten sich jahrzehntelang auf die günstigen Arbeitskräfte eingestellt. Vor einem Jahr führte Familienministerin Kristina Schröder (CDU) den Bundesfreiwilligendienst ein. Während der Zivildienst von vielen jungen Männern ohne große Begeisterung als Pflichtdienst hingenommen wurde, kam es bei den Plätzen für die Bundesfreiwilligen („Bufdis“) zu einem großen Ansturm: Alle 35 000 Plätze, die im Jahresdurchschnitt vom Staat finanziert werden, konnten im letzten Jahr besetzt werden. Fast 50 000 Bufdis waren seit Juli 2011 im Einsatz. Schröder verkauft das als großen Erfolg.

Doch Pritzkoleit und sein Freund Jan Esche, der auch direkt nach dem Abitur bei Integral seinen Dienst begonnen hat, sehen es nüchterner. Sie haben ihre Freiwilligenzeit mit Vorstellungen angetreten, die sich so nicht erfüllten: „Wir dachten, Bufdis werden ähnlich behandelt wie Zivis.“ Auf ihre Arbeit im Betrieb trifft das zu. Fast acht Stunden täglich sind sie fünf Tage die Woche präsent. Für die Bezahlung gilt es nicht. „Der Freiwilligendienst ist nichts weiter als ein riesengroßes Bundessparprogramm“, sagt Fried Gebhardt von Integral, der Pritzkoleit und die anderen Bufdis betreut. Früher hatte er zehn Zivis, die mehr als 600 Euro, zuzüglich Spesen, im Monat bekamen. Jetzt habe er nur noch vier Freiwillige, die sich mit etwa 300 Euro im Monat abfinden müssten. Auf ihr Wohngeld, das sie zusätzlich beantragen konnten, mussten Pritzkoleit und Esche, die gemeinsam in einer Wohngemeinschaft in Friedrichshain leben, ein halbes Jahr warten. „Ohne die Unterstützung unserer Eltern hätten wir uns den Freiwilligendienst nicht leisten können“, sagen sie.

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