Jubiläum : Walter Scheel wird 90

FDP-Vorsitzender, Außenminister, Bundespräsident: Walter Scheel, Wegbereiter der Aussöhnung mit dem Osten, wird 90 Jahre alt.

Gerd Appenzeller
Scheel Foto: Scheel
Der Jubilar: Walter Scheel. -Foto: Scheel

Es war eine gute Tat, und sie passte zu dem Mann. Dennoch dürfte Walter Scheel im Nachhinein gelegentlich etwas betrübt nachgedacht haben, ob er sich im Herbst 1973 bei der Entscheidung wirklich einen Gefallen tat, zusammen mit dem Düsseldorfer Männergesangverein das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ aufzuzeichnen und als Tonträger auf den Markt zu bringen. Die Aktion Sorgenkind profitierte von den mehr als 300 000 verkauften Platten, aber der Name des seinerzeitigen Außenministers und späteren Bundespräsidenten blieb von nun an untrennbar mit dem gelben Wagen verbunden, als sei dies seine das Vermächtnis prägende Lebensleistung gewesen.

Das Posthorn übertönt völlig ungerechtfertigt die doppelte historische Rolle Scheels. Zum einen bewahrte er die FDP, deren Vorsitzender er 1968 wurde, durch entschlossenes Umsteuern vor dem Abgleiten in ein rechtskonservatives Sektierertum, wie es den Ruf der Freiheitlichen Partei Österreichs nachhaltig ruiniert hat. Und er war, zusammen mit dem Sozialdemokraten Willy Brandt, der Wegbereiter jener sozialliberalen Koalition von 1969 bis zum Herbst 1982, der die Bundesrepublik die Ostpolitik und den Ausgleich mit den Staaten Mittelosteuropas, einschließlich der ehemaligen Sowjetunion, zu verdanken hat. Dass sich die deutsche Regierung damit auch einem Umdenken in der amerikanischen Außenpolitik anschloss, hat die CDU/CSU lange nicht verstanden: 1968 war Richard Nixon ins Amt gekommen, der den Abrüstungsdialog mit der UdSSR aufnahm und 1972 nach Peking reiste, um diplomatische Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik einzuleiten.

Politische Karriere hatte Scheel, der im Zweiten Weltkrieg hoch dekorierte Kampfflieger, bereits ab 1961 in den CDU/CSU/FDP- Koalitionen unter Konrad Adenauer und Ludwig Erhard als Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit gemacht. Mit der im Dezember 1966 gebildeten Großen Koalition verlor die FDP ihre Ministerposten. Dem damaligen Vorsitzenden Erich Mende lastete die Partei die Vertreibung aus der Regierung an. Als er den Parteivorsitz neben der Tätigkeit als Deutschlandrepräsentant der Investmentgesellschaft IOS behalten wollte, kippte ihn der Freiburger Parteitag der FDP am 30. Januar 1968 aus dem Amt und wählte Scheel zum Nachfolger. Der hatte mit dem Juristen Werner Maihofer und, später dazugestoßen, dem Journalisten Karl-Hermann Flach, in den sogenannten Freiburger Thesen das gesellschaftspolitische Fundament für die Koalitionsoption mit der SPD erarbeitet. Die Investmentgesellschaft, in Deutschland dank Mende groß geworden, brach übrigens 1973 in der ersten großen Finanzpleite der Bundesrepublik zusammen.

Im März 1969 wurde mit den Stimmen von SPD und FDP Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten gewählt, bei den Bundestagswahlen im September des gleichen Jahres brach die FDP mit einem Stimmenanteil von 5,8 Prozent fast ein – offenbar machte die traditionelle Wählerschaft den Richtungswechsel noch nicht mit. Brandt und Scheel verständigten sich dennoch in der Wahlnacht auf die erste sozial-liberale Koalition.

Die deutsch-sowjetischen, die deutsch- polnischen und die deutsch-tschechoslowakischen Verträge aus dem Jahr 1970 regelten die Beziehungen mit den von Hitlerdeutschland überfallenen Nachbarn im Osten. Im Streit darüber setzte sich in der FDP der liberale süd- und südwestdeutsche Parteiflügel, zu dem sich der Solinger Scheel hingezogen fühlte, durch. Erich Mende wechselte zur CDU, der frühere SS-Obersturmführer Siegfried Zoglmann zur CSU. Beide standen für die vor allem in Nordrhein-Westfalen beheimatete und noch heute spürbare nationalkonservative Richtung der FDP.

Verhandelt hatte die Verträge neben dem Sozialdemokraten Egon Bahr höchst erfolgreich Außenminister Walter Scheel – mit dem die insgesamt fast 30 Jahre währende Tradition freidemokratischer Chefs im Auswärtigen Amt begründet wurde. Dass Scheel sich im Mai 1974 als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten aufstellen ließ, hing nicht nur mit dem Reiz des Amtes zusammen, sondern auch mit seiner angeschlagenen Gesundheit, die ihm weitere strapaziöse Auslandsreisen unmöglich machte.

Als Staatsoberhaupt genoss Scheel durchaus die repräsentativen Auftritte, aber er blieb auch als exzellenter Redner und überzeugender Sachwalter deutscher Positionen im Ausland in Erinnerung. Heute wird er 90 Jahre alt, in einer Woche ehrt man ihn im Schloss Bellevue.

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