Politik : Jüdisches Leben in Berlin: Ein Zeichen der Solidarität am Sabbat

Thomas Kröter

Ein Zeichen der Solidarität aus der übrigen Bevölkerung hat Paul Spiegel nach dem Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge gefordert. Renate Künast hat der Appell des Präsidenten des Zentralrats der Juden nicht ruhen lassen. Die Grünen-Chefin nahm Kontakt zu Andreas Nachama auf, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Dabei entstand die Idee: Am Freitagabend gehe wir zum Sabbat-Gottesdienst in die Synagoge. Außer Künast finden sich heute zur traditionellen Zeit, eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang, eine bemerkenswerte große Koalition an der Synagoge in Charlottenburg ein: CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz, PDS-Chefin Petra Pau, FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle. Ob auch ein führender Sozialdemokrat dabei sein wird, war am Donnerstag in der SPD-Zentrale nicht zu erfahren.

"Hingucken, fragen, kennen lernen", das sollte nach Ansicht von Künast die Devise sein zwischen Juden, Christen, Moslems - zwischen Angehörigen aller und einander manchmal so fremder Religionsgemeinschaften. Wenn denn Angst auf Unkenntnis beruhe, sagt sie im Gespräch mit dem Tagesspiegel, müsse man dem eben abhelfen. Nicht nur in einer einmaligen Aktion von Prominenten sondern im Alltag. Die jüdischen Gemeinden, da ist sie nach ihren Gesprächen mit Nachama, aber auch Paul Spiegel sicher, freuen sich über interessierte Besucher.

Und damit das Interesse über das Stadium der Betroffenheit angesichts antisemitischer Anschläge anhält, hat sie eine neue Idee: Kurz vor dem christlichen Weihnachten feiern die Juden ihr Chanuka. "Warum soll man nicht auf dem Weihnachtsmarkt etwas über die jüdische Tradition und Religion erfahren können", fragt Künast. Inmitten der vielen Weihnachtsbäume: Ein achtarmiger Leuchter, oder vielleicht auch mehrere. Kurz, die Möglichkeit zum christlich-jüdischen Dialog nicht nur auf der Ebene der Honoratioren.

Politiker verschiedener Parteien haben unterdessen zur Bekämpfung der Rechtsextremisten mit aller Schärfe aufgerufen. Das Bundesjustizministerium begrüßt, das die Generalbundesanwaltschaft den Düsseldorfer Fall an sich gezogen habe. Es gehe nicht nur um einen Anschlag auf einzelne Bürger, sondern auf die Demokratie insgesamt, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel. Der innenpolitische Experte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Bosbach, forderte eine Verbesserung des Schutzes für jüdische Einrichtungen in Deutschland. Nötig sei neben einer Videoüberwachung gefährdeter Plätze, zu denen auch KZ-Gedenkstätten gehörten, auch eine optisch sichtbare Polizeipräsenz. An solche Orten müssten jedoch nach Ansicht des CDU-Politikers auch zivile "unsichtbare" Wachen eingesetzt werden.

Auch die Gewerkschaft der Polizei sprach sich für Videoüberwachungen aus. Ihr Bundesvorsitzender Norbert Spinnrath sagte im Sender "Berlin aktuell 93,6", die Politiker dürfte nun auf keinen Fall weitere Stellen bei der Polizei streichen. Sie könne nicht mit immer weniger Beamten immer mehr Aufgaben bewältigen.

Nach Angaben Künasts haben die Grünen eine Initiative unter ihren Landesverbänden gestartet. Sie wollen wissen, inwieweit in den Bundesländern bei den derzeit laufenden Haushaltsberatungen Mittel zu Bekämpfung des Rechtsradikalismus im Besonderen, aber auch für die Jugendarbeit im Allgemeinen erhöht oder gekürzt werden. Die Bundesregierung hat die Bereitstellung von 75 Millionen Mark aus europäischen Mitteln sowie zehn Millionen Mark Haushaltsmitteln für Projekte angekündigt. Über ihre Verwendung wird derzeit noch beraten, unter anderem wird ein Kritierienkatalog für die Bewilligung aufgestellt. Während die Grünen sich demnächst mit Initiativen gegen Rechts treffen, die vor allem in den neuen Bundesländern arbeiten, hat der Bundestag zur einer Anhörung zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus in Deutschland insgesamt eingeladen.

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