Politik : Jüdisches Leben in Berlin: Was heißt hier Anstand?

Stephan-Andreas Casdorff

Der Aufwand ist minimal, der Effekt maximal. Die erste Tat: Brandsätze an der Synagoge in Düsseldorf. Die nächste: Auf den Davidstern eines Friedhofeingangs in Potsdam wird ein Galgen geschmiert, mit Filzstift. Der Schaden ist gering - der Sachschaden. In der Öffentlichkeit entfaltet sich aber diese Wirkung: Es wird jüdisches Leben in unserem Land in Frage gestellt. Für kurze Zeit sogar auch vom Präsidenten des Zentralrats der Juden.

Ist die Reaktion überzogen? Paul Spiegel relativiert seine Äußerungen jetzt. Er hat nicht übers Auswandern geredet oder nur halb, ist aber trotzdem so verstanden worden. Das zeigt, wie zerbrechlich das Verhältnis zu Juden noch immer ist, trotz Normalisierung, Vergangenheitsbewältigung, der Goldhagen-Debatte, trotz zeitlicher Distanz. Im Krisenfall hagelt es Missverständnisse.

Richtig ist: Deutschland ist nicht mehr das Land von 1938, nicht mehr das der Pogromnacht. 90 Prozent verdammen Gewalt von Rechts und sind weltoffen. Richtig ist auch: 90 Prozent kennen in aller Regel weder einen Juden noch gar einen Antisemiten. Und schweigen. Was sollen sie auch sonst tun?

Das hilft den Juden, die im Deutschland des Jahres 2000 neue Angst um Leib und Leben empfinden, nichts. Können sie ihre Kinder ohne Polizeischutz in den Kindergarten, die Schule, die Synagoge schicken? Deshalb hatten Heinz Galinski, Ignatz Bubis und heute Paul Spiegel alles Recht, die Sensibilität für das Thema Antisemitismus wachzuhalten. Immer wieder, bis hin zur Anklage, dass ihnen nicht wirklich geholfen werde.

Wie Hilfe aussehen kann? Sie besteht in Konsequenzen, nicht nur in Gefühlen. Mit Worten ist das ausreichend geschehen: Der Bundeskanzler hat einen "Aufstand der Anständigen" gefordert. Die Bundesregierung hat zur Zivilcourage aufgerufen. Die Bundesanwaltschaft hat angekündigt, die Ermittlungen zu führen. Das reicht aber logischerweise nicht, soll die Trauer der Juden nicht wirklich in ihrer Resignation enden.

Der Vorsitzende der größten Jüdischen Gemeinde in Deutschland, Andreas Nachama, hat ein Beispiel genannt: Von den Politikern wird eine härtere Gangart gegen rechtsextremistische Gewalttäter gefordert. Nun fragt Nachama, wo eine entsprechende Bundesratsinitiative bleibt. Ministerpräsident Edmund Stoiber hat dagegen ein Beispiel gegeben: Mit 23 Millionen Mark wird Bayern die Arbeit der Israelitischen Kultusgemeinde unterstützen. Das ist anständig. Und ein Zeichen für praktiziertes Geschichtsbewusstsein in diesem Jahr, in dem der Zentralrat fünfzig Jahre besteht und sich zu Deutschland bekennt. Trotz der Vorgeschichte.

Wir, die Bürger, könnten aber auch Zeichen der Solidarität setzen. Durch Gesten und praktische Hilfsangebote. Auch der Zentralrat hat ja Folgen der Einheit zu bewältigen. Er muss zugewanderte Juden aus Osteuropa integrieren. Rund 60 000 sind, einem Beschluss der Regierung Kohl folgend, aus der Ex-Sowjetunion gekommen. In manchen Regionen hat sich die Jüdische Gemeinde vervierfacht, mit großen sozialen Problemen.

Deutschland hat seine Einheit gefeiert, in der Nacht zuvor hätte fast eine Synagoge gebrannt. Die erste Aufgabe eines Staates ist, die Sicherheit von Leib und Leben zu garantieren - allen seinen Bürgern. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit. Aber man muss die Regierenden offenbar daran erinnern. Auch jene, die nun den Aufstand der Anständigen fordern.

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