Jürgen Todenhöfer im Interview : „Wir inspizierten gerade ein glimmendes Wrack ...“

23.01.2012 14:30 Uhr

...dann kam die Rakete. Jürgen Todenhöfer wurde in Libyen beschossen, in Syrien begegnete er Assad. Seitdem glaubt er den westlichen Medien nicht mehr.

"Muslime sind genauso viel wert wie wir"

Warum setzen Sie sich ausgerechnet so für die muslimische Welt ein?

Wo ich auch hinkam, ob nach Tunesien, Algerien oder Libyen, überall fiel mir die Gastfreundschaft auf. Nach 9/11 wurden uns plötzlich die Muslime als randalierende Fanatiker präsentiert. Da habe ich mir die Zahlen und Fakten angeschaut. Ich habe festgestellt, dass in den vergangenen 300 Jahren kein muslimisches Land den Westen angegriffen hat, wir aber ständig die muslimischen Länder. Und dass in jedem dieser Kriege zehnmal mehr Muslime als Westler gestorben sind. Angesichts von Leuten wie Sarrazin finde ich es notwendig, immer wieder klarzumachen: Muslime sind genauso viel wert wie wir.

Harald Schmidt nennt Sie „einen Peter Scholl-Latour, der auch weinen kann“. Erkennen Sie sich darin wieder?

Scholl-Latour ist ein scharfsinniger Meister der ironischen Analyse. Ich bewundere ihn. Es stimmt, ich bin tief betroffen, wenn afghanische Kinder, die ihre Eltern und Geschwister im Krieg verloren haben, mich fragen: Was haben wir euch getan? Ich versuche, in Nahaufnahme zu zeigen, wie Krieg wirklich ist, dass Krieg immer Kinder tötet.

Nach Ihrem freiwilligen Abschied aus dem Bundestag 1990 haben Sie gesagt, Politik sei „eine langweilige, graue Soße“. Es fehle an Typen.

Nach Fernsehsendungen kommen oft Politiker zu mir und sagen, sie würden gerne so offen reden wie ich. Ich frage immer: Warum tun Sie es nicht?

Heiner Geißler bezeichnete Sie mal als „bunten Vogel“. Sie seien ein Alleingänger, unfähig, Bündnisse einzugehen.

Manchmal hat das Vorteile. Ich unterstütze Verhandlungen mit Syrien. Wäre ich jetzt Politiker, käme sicher ein Kollege und würde sagen: Ich helfe Ihnen, aber dafür müssen Sie meine Position in einer anderen Frage unterstützen, auch wenn Sie die für falsch halten. Und schon würden die faulen Kompromisse anfangen. Ich kann als freier Publizist mehr durchsetzen als ein Politiker, der ständig Zugeständnisse machen muss.

Deswegen haben Sie aufgehört mit der Politik?

20 Jahre waren genug. Ich wollte mich auch nicht immer mit Kohl rumstreiten.

Nehmen Sie es Kohl übel, dass er Kanzler der Einheit geworden ist? In den 80ern waren Sie einer der wenigen, die noch von Wiedervereinigung sprachen.

Nachdem die Mauer gefallen war, habe ich in der CDU-Pressestelle angerufen und gefragt: Warum kommt von euch nicht mehr zur Wiedervereinigung? Da hat mir der stellvertretende Pressesprecher gesagt: Wir dürfen nicht einmal das Wort verwenden. Bis Vertraute in einer abendlichen Runde im Kanzleramt Kohl klarmachten, dass seine einzige Chance, wiedergewählt zu werden, darin bestehe, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen.

Von 1987 bis 2008 waren Sie Manager im Medienkonzern Ihres Schulfreunds Hubert Burda. So haben Sie Michael Jackson kennengelernt, der Sie 2001 in Ihrer Berghütte besuchte. Sie haben ihm vorgesungen.

Ich wollte, dass er für uns singt. Aber er sagte, dazu brauche er mehrere Stunden Vorbereitung. Zwei meiner Lieder gefielen ihm besonders: „Sag mir wo die Blumen sind“ und „Lili Marleen“. Er war zwei Tage und zwei Nächte bei uns. Wir haben uns angefreundet. Er hatte seltsame Gewohnheiten, aß um drei Uhr morgens zu Abend. Einmal wachte ich um sechs Uhr auf, weil jemand schrecklichen Lärm machte: Es war Michael Jackson bei einer Kissenschlacht mit meiner Tochter und meiner Frau.

Später wurde Anklage gegen Jackson erhoben.

Ich kann diese Dinge nicht wirklich beurteilen, aber ich glaube nicht, dass Michael Jackson Kindern etwas antun konnte. Weil er selber ein Kind war. Musikalisch war er ein Genie, aber in anderen Bereichen ein Achtjähriger. Ich wollte ihm in Südtirol Sulden, unser Dorf, zeigen und habe ihn mit dem Auto durch den malerischen Ort gefahren. Als ich ihm erklärte, hier ist die Königsspitze und dort der Ortler, hat er gar nicht zugehört. Er war total fasziniert vom Display meines Wagens, weil das viele kleine rote Lichter hatte. Zu seinem Assistenten, der hinter ihm saß, sagte er immer: Frank, look at these red lights, look at these wonderful red lights!

Sie haben große Teile ihres Vermögens in Stiftungen investiert, darunter eine, die sich um alte einsame Menschen kümmert…

Einsamkeit ist ein Kernproblem unserer modernen Gesellschaft, vor allem für alte Menschen.

In der muslimischen Welt hat die Familie einen höheren Stellenwert. Rührt daher Ihr positiver Blick?

Wie Muslime mit alten und kranken Menschen umgehen, ist bewundernswert. Dafür laufen dort andere Sachen nicht gut, die Freiheit der Frau ist ein ungelöstes Problem.

Herr Todenhöfer, demnächst wollen Sie mit einem Weltraumflug des britischen Milliardärs Richard Branson ins All starten. Wann geht es los?

Ursprünglich hätte das jetzt bald stattfinden sollen. Aber der Flug wurde verschoben. Ich bin Nummer 233 auf der Liste.

Was versprechen Sie sich davon?

Jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise, hat Ringelnatz gesagt. Als ich mit 68 aus dem Medienmanagement ausschied, habe ich überlegt, was ich noch machen sollte. Der Weltraumflug ist ein Kindheitstraum, der muss sein. Genauso wie ein Fußballspiel in Sadr-City, einem gefährlichen Viertel Bagdads. Bei einem Besuch dort wurde ich eingeladen, mal mitzuspielen. Das will ich unbedingt noch machen. Im Irak auf Tore schießen, statt auf Menschen.

Das Gespräch führten Andreas Austilat und Björn Rosen.

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