Jürgen Todenhöfer im Interview : „Wir inspizierten gerade ein glimmendes Wrack ...“

23.01.2012 14:30 Uhr

...dann kam die Rakete. Jürgen Todenhöfer wurde in Libyen beschossen, in Syrien begegnete er Assad. Seitdem glaubt er den westlichen Medien nicht mehr.

"Wo sind heute unsere Helden internationaler Gerechtigkeit?"

Nach dem Irakkrieg haben Sie gefordert, Blair und Bush vor Gericht zu stellen. Wie lautet die Anklage?

Ich bin von Beruf Richter. Bei den Nürnberger Prozessen sagte der amerikanische Ankläger, das größte aller Verbrechen sei der Angriffskrieg. Die USA würden eines Tages an den Maßstäben gemessen, die sie in Nürnberg anlegten. Wo sind heute unsere Helden internationaler Gerechtigkeit?

Hätten Sie dann nicht aus der CDU austreten müssen, als Angela Merkel vor der Invasion zu Bush flog, um ihre Solidarität zu zeigen?

Eine Partei ist wie eine Ehe. Sie hat gute und weniger gute Seiten. Leider gibt es keine staatstragende Partei, die sich in der Kriegsfrage richtig verhalten hat. Alle sind sie in den Afghanistankrieg hineinmarschiert. Von wegen Al-Qaida-Terroristen vertreiben – die sind doch sofort geflohen, als die ersten Bomben fielen. Dann wollten wir angeblich Demokratie einführen. Alles Märchen!

In die CDU traten Sie 1970 ein, der Vietnamkrieg hat Sie damals nicht davon abgehalten. Auslöser dieses Kriegs war der angebliche Angriff auf US-Schiffe – auch ein Märchen, wie sich später herausstellte.

Die meisten Kriege beginnen mit Lügen. Deshalb beunruhigen mich die vielen Falschmeldungen über Syrien ja so sehr.

Sie haben sich vergangenes Jahr gegen die Bombardierung der Gaddafi-Truppen ausgesprochen. Wenn Sie sich durchgesetzt hätten, wäre Bengasi vielleicht gefallen und Gaddafi noch im Amt.

Ich habe Vorschläge gemacht, wie man die Situation friedlich hätte lösen können. Etwa, indem der UN-Generalsekretär, begleitet von Blauhelmen, nach Bengasi gefahren wäre. Den Panzerangriff hätte ich sehen wollen, während Ban Ki Moon in der Stadt war. Ich bin Anhänger gewaltloser Revolutionen wie in Tunesien und Ägypten. Je mehr Leid ich sehe, desto skeptischer werde ich gegenüber gewaltsamen Revolutionen wie in Libyen und Syrien. Der gute demokratische Zweck heiligt nicht die Tötung hunderttausender Zivilisten. In zehn Jahren werden die meisten arabischen Staaten Demokratien sein. Auch Syrien. Hoffentlich auf friedlichem Wege. Leider versuchen die USA, die gegenwärtige Situation auszunutzen und einen Mittleren Osten zu schaffen, in dem sie keine Gegner mehr haben. Deswegen soll Assad weg. Amerika-freundliche Diktatoren dürfen bleiben.

Klingt nach Verschwörungstheorie. Für Sie sind die Amerikaner offenbar immer die Bösewichte.

Ich bin Amerikafan, amerikanischer „Ehrenoberst“ sogar. Ich habe meine Kinder zum Studieren dorthin geschickt und habe gute Kontakte zu Regierungsmitgliedern. Aber die Politik gegenüber Syrien und dem Iran ist der Versuch, das Ergebnis des Irakkriegs zu korrigieren. Denn der Krieg hat Iran und Syrien gestärkt, er war ein tragisches Eigentor.

So oft, wie Sie in Krisengebiete reisen: Haben Sie keine Angst, mal als Geisel zu enden – und das deutsche Außenministerium muss Sie rausholen?

Ich würde das gar nicht akzeptieren. Das habe ich schriftlich festgelegt.

Wenn Sie sich schon nicht um sich sorgen: In Libyen ist Ihr Auto von Gaddafi-Truppen beschossen und Ihr Gastgeber und Dolmetscher Abdul Latif getötet worden. Haben Sie sich da schuldig gefühlt?

Ja. Daran werde ich mein ganzes Leben arbeiten müssen. Wir inspizierten gerade ein glimmendes Autowrack, als Abdul Latif zurückging und sich wieder ins Auto setzte. Da kam die Rakete. Ich war hinterher noch zweimal bei seiner Familie. Er war mein Freund, stets fröhlich. Er trug nie eine Waffe. Er ist mein lächelnder Held.

Früher gehörten Sie zum rechten Flügel der CDU. Im Buch „Ich denke Deutsch“ von 1989 spotten Sie über die „marxomanischen Maximen der SPD vom Profitkapitalismus“. Stichwort Profitkapitalismus: Was glauben Sie, worum es den USA im Irak ging?

Öl war sicher wichtig. Außerdem spielen bei Politikern leider persönliche Gründe eine große Rolle. Bush, der in seiner Jugend als Versager galt, versuchte zu zeigen, dass er doch ein Kerl sei. Er wollte seinen Vater übertreffen und anders als dieser Bagdad erobern.

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