Jugendgewalt : Arm, vorbestraft, gewalttätig

Sie bleiben selten länger als ein Jahr hinter Gittern: Knapp über die Hälfte der rund 6900 jungen Menschen sitzt wegen Gewalttaten in Jugendgefängnissen - darunter meist Männer aus bildungsfernen Familien. Nicht immer hilft das letzte aller Mittel.

Hannes Heine
Jugendgewalt
Hinter Gittern. Auch in vielen Jugendgefängnissen herrscht eine gewalttätige Stimmung, die Rückfallquote entlassener Häftlinge ist...Foto: Keystone

Berlin Sie sind männlich, zwischen 18 und 20 Jahre alt und haben oft eine lange Karriere mit Schlägereien und Überfällen hinter sich. Mehr als die Hälfte der knapp 6900 Insassen deutscher Jugendstrafanstalten sitzt wegen einer Gewalttat ein, 96 Prozent der Gefangenen sind Männer, fast alle schon zuvor aufgefallen. Diese Zahlen sind seit Jahren konstant. Während Ausländer neun Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind 20 Prozent der Häftlinge in den Jugendgefängnissen nichtdeutscher Herkunft. Doch Fachleute sind sich einig: Je weniger Bildung er hat und je ärmer er ist, desto eher wird ein junger Mann kriminell – darin unterscheiden sich Deutsche nicht von Einwanderern. Fast zwei Drittel aller jungen Häftlinge haben keinen Schulabschluss, 90 Prozent keine Berufsausbildung.

Deutliche Unterschiede gibt es aber zwischen den Bundesländern. Um vergleichen zu können, wo Jugendliche eher im Gefängnis landen, hat die Universität Greifswald untersucht, in welchem Bundesland der Anteil von Häftlingen unter den Jugendlichen am höchsten ist. In den ostdeutschen Ländern saßen 2006 mit 124 von 100 000 Personen fast 50 Prozent mehr junge Menschen ein als in Westdeutschland mit 83 Jugendlichen.

Gewalttaten sind in den neuen Bundesländern eher verbreitet, und insbesondere Raub wird häufiger mit Freiheitsentzug bestraft. „Die Sozialstruktur in Ostdeutschland ist leider oft schwächer ausgeprägt“, gibt Jochen Goerdeler von der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen zu bedenken. Gewalttätige Milieus seien dort verbreiteter, oft fehlten intakte Familien. „Allerdings ist auch möglich, dass die Richter in den neuen Bundesländern härter urteilen“, sagt Frieder Dünkel. Der Kriminologe der Universität Greifswald hat zum Jugendstrafvollzug geforscht. Spitzenreiter ist Sachsen-Anhalt, wo von 100 000 Jugendlichen und Heranwachsenden im vergangenen Jahr 153 in Haft lebten. Bundesweit waren 90 Prozent der Gefangenen älter als 18 Jahre.

Im Durchschnitt verbringen die jungen Häftlinge nicht viel mehr als ein Jahr hinter Gittern. Grund dafür ist das Jugendgerichtsgesetz. Es sieht deutlich geringere Strafen vor als das allgemeine Strafrecht für Erwachsene, weil nicht die Sühne der Tat im Vordergrund steht, sondern die Erziehung des Täters. Jedes Jahr wird unter den Jugendlichen und Heranwachsenden nur eine Handvoll Täter wegen Mordes oder Totschlags zur Höchststrafe von zehn Jahren verurteilt. Während Menschen vor Vollendung des 14. Lebensjahres als Kinder nicht strafmündig sind, wird das Jugendstrafrecht uneingeschränkt auf Täter angewendet, die zur Tatzeit zwischen 14 bis 17 Jahre alt waren. Bei 18- bis 20-Jährigen wird indes geprüft, ob der Heranwachsende im Hinblick auf seinem Reifezustand zur Tatzeit einem Jugendlichen gleichzustellen war. Insbesondere bei schweren Straftaten werden Heranwachsende meist ebenfalls nach dem Jugendstrafrecht behandelt. Wer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, darf diese bis zum 25. Lebensjahr in einer Jugendstrafanstalt absitzen. Erst danach muss der Verurteilte in eine Erwachseneneinrichtung umziehen. 24 selbständige Jugendstrafanstalten gibt es hierzulande, außerdem haben drei reguläre Gefängnisse Abteilungen für Jugendliche.

Die Haft stellt aber nur das letzte Mittel dar: Rund 70 Prozent aller Urteile gegen Jugendliche sind Erziehungsmaßnahmen wie Trainingskurse oder Arbeitsstunden. „Das ist auch angemessen“, sagt Goerdeler. Denn von den Jugendlichen, die in einem Gefängnis saßen, werden rund 80 Prozent wieder straffällig. Mehr als 50 Prozent werden mindestens ein zweites Mal zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. „In den Gefängnissen herrscht eine gewalttätige Atmosphäre“, sagt der Jugendrechtsexperte. Ende 2006 hatten drei Jugendliche in einer gemeinsamen Zelle im Gefängnis von Siegburg einen Mithäftling stundenlang gefoltert und dann erhängt. Zwei Beschuldigte sagten, sie hätten so „Aggressionen“ abbauen wollen.

Insgesamt werden die 6900 Insassen deutscher Jugendstrafanstalten von 4400 Mitarbeitern betreut, davon mehr als 300 Sozialarbeiter und Psychologen. Durchschnittlich kümmert sich ein Sozialarbeiter um 30 Gefangene. „Besser wäre es, wenn eine Fachkraft nicht mehr als 20 Insassen betreuen muss“, sagt Kriminologe Dünkel. Experten fordern außerdem, die Zahl der Bewährungshelfer zu erhöhen. Derzeit werden bis zu 70 Delinquenten von einem Bewährungshelfer betreut. „Mehr als 20 Täter sollen es aber nicht sein“, sagt Dünkel. Immerhin bemühen sich alle Jugendhaftanstalten darum, Gefangene nach dem Mord in Siegburg nur noch in Einzelzellen unterzubringen.

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